Luxemburger - von der Mosel an die Moldau

13. Juli 2001, 20:55
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König Otakars Sohn und Enkel versuchten noch einmal, ein böhmisches Großreich aufzubauen. Mit ihrem frühen Tod endeten die Przemysliden.

Mit der Niederlage auf dem Marchfeld und dem Tod Przemysl Otakars II. war nicht nur die Ausweitung des böhmischen Königreichs über Österreich beendet; auch die tschechischen Stammlande waren vom Zerfall bedroht. Rudolf von Habsburg unterstellte vorerst die Markgrafschaft Mähren als Reichsland seiner Herrschaft. Dann rückte er in Böhmen ein, das er zunächst ebenfalls für das Reich einziehen wollte.

In Böhmen waren anarchische Zustände eingetreten. Der von Otakar eingeschränkte Hochadel, allen voran das mächtige südböhmische Geschlecht der Witigonen, nahm das Königsgut in Besitz. Der Markgraf von Brandenburg, Otto V. aus der Dynastie der Askanier, Vormund des siebenjährigen Otakar-Sohns Wenzel II., besetzte Prag. König Rudolf von Habsburg zog einen Vergleich mit diesem einer militärischen Lösung vor und vereinbarte Kinderhochzeiten seiner Tochter Jutta (Guta) mit Wenzel und seines Sohnes Rudolf mit dessen Schwester Agnes - wobei er zweifellos einen möglichen Erbanspruch auf Böhmen im Auge hatte.

Der Brandenburger, dem Otakar als Protektor vertraut hatte, nutzte dies zur Ausplünderung des reichen Böhmen. Der junge Wenzel war praktisch sein Gefangener, zeitweise wurde er in die Festung Spandau verschleppt. Dessen Mutter, Otakars zweite Ehefrau Kunigunde, entzog sich der Gewalt des Askaniers durch die heimliche Verheiratung mit Závis von Falkenstein aus dem Adelsgeschlecht der Witigonen (über deren Ahnherrn Witiko hat Adalbert Stifter einen großen Roman geschrieben). Závis beherrschte bald weite Teile Böhmens und setzte seine Verwandten an Schaltstellen der Macht.

Habsburgfreundliche Adelige sahen sich zurückgesetzt, sie drängten auf die Entlassung Wenzels II. aus der Vormundschaft. Als dieser zwölf war, willigte der Vormund ein, drei Jahre danach brachte Rudolf von Habsburg seine Tochter Jutta zur Hochzeit mit dem Böhmenkönig nach Eger, nahm sie aber angesichts der unsicheren Verhältnisse gleich wieder mit ins Reich. Allerdings ermutigte er den tatkräftigen Herzog Nikolaus von Troppau, König Otakars illegitimen Sohn Závis in die Schranken zu weisen.

Als die Witigonen sich weigerten, das Königsgut herauszugeben, gelang es, Závis gefangen zu nehmen; als Hochverräter wurde er enthauptet, der witigonische Grundbesitz fiel an Wenzel. Zum jungen Mann gereift, erwies sich Wenzel II. als würdiger Sohn seines Vaters; auch er wollte Böhmen zum Zentrum eines ostmitteleuropäischen Großreichs machen, auch wenn ihm der Weg nach Süden, zur Donau, durch die Habsburger verbaut war. König Rudolf belehnte seinen Schwiegersohn bereitwillig mit den Fürstentümern Schlesien und Kleinpolen (Krakau) sowie der Grafschaft Glatz - allerdings musste sich Wenzel II. die meisten dieser Gebiete erst erobern (1291/92).

Acht Jahre später marschierte er in Großpolen ein, eroberte Stadt um Stadt und wurde schließlich in Gnesen/Gniezno zum König von Polen gekrönt. Aber schon hatte er auch Ungarn in seine Reichspläne einbezogen und seinen kleinen Sohn Wenzel mit der Tochter des letzten Arpaden, Andreas III., verlobt. Als dieser 1301 starb, rückte der Böhmenkönig in Ungarn ein, und ließ den Sohn als Lászlo V. in Stuhlweißenburg krönen. Aber sowohl der Papst als auch der neue deutsche König Albrecht, Sohn Rudolfs von Habsburg, waren gegen eine solche Machtausweitung. Dazu kam die nach wie vor innere Schwäche Böhmens, wo immer wieder Teile des Adels, nicht zuletzt eifersüchtig auf die vom König begünstigten deutschen Adeligen, ihren König bekämpften. So musste Wenzel schließlich auf die Herrschaft über Ungarn verzichten. Unheilbar erkrankt, starb er schon 1305 im Alter von 35 Jahren.

Sein Sohn Wenzel III. trat mit 16 ein schweres Erbe an, denn nun geriet auch die böhmische Oberhoheit über Polen ins Wanken. Wladyslaw Lokietek ("Ellenlang"), Herzog des polnischen Teilfürstentums Kujawien, begann den Kampf gegen die tschechische Fremdherrschaft. Wenzel III. bereitete einen Feldzug gegen die polnischen Widersacher vor. Doch der Jüngling, kaum ein Jahr lang König von Böhmen, wurde 1307 in Olmütz unter ungeklärten Umständen ermordet. Damit war das Geschlecht der Przemysliden im Mannesstamm erloschen.

Der nächstliegende Anspruchsberechtigte auf den Thron war der Mann der älteren Schwester Wenzels III., Herzog Heinrich von Kärnten. Doch auch der Habsburger König Albrecht verlangte die böhmische Krone für seinen Sohn Rudolf; dieser fiel mit Truppenmacht in Böhmen ein und heiratete, um seinem Anspruch ein legitimes Mäntelchen zu geben, die Witwe König Wenzels II. Zudem bestätigte Albrecht dem böhmischen Adel ausdrücklich sein von Kaiser Friedrich II. 1212 erlassenes Wahlrecht. Die Mehrheit der Adeligen entschieden sich daraufhin für den Habsburger Rudolf, doch ein Jahr später starb er völlig unerwartet. Nunmehr fiel die Wahl auf den Kärntner. Nachdem im Reich König Albrecht ermordet und dort kein Habsburger, sondern Heinrich VII., Graf von Luxemburg, zum König gewählt worden war, veränderte sich auch in Böhmen die Situation.

Dort war es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den (überwiegend deutschen) Patriziern der reich gewordenen Städte und dem Adel gekommen, und der landfremde böhmische König zeigte wenig Tatkraft, die Krise zu bereinigen. Das entschlossene Handeln einiger Äbte, Adeliger und Bürger führte zu Kontakten mit König Heinrich VII. Sie boten ihm eine dynastische Verbindung mit der letzten Przemyslidin Elisabeth, der jüngeren Schwester Wenzels III., an, und der Herrscher willigte ein: Sein 14jähriger Sohn Johann wurde 1310 in Speyer mit ihr vermählt.

Umgeben von einer Equipe rheinischer Adeliger, wurde er nach Prag gebracht, Heinrich von Kärnten verzichtete ohne großen Widerstand auf die böhmische Krone und kehrte in sein Stammland zurück. Kaum jemand ahnte, dass durch diese Verbindung ein eher bescheidenes, auf Westpolitik ausgerichtetes linksrheinisches Grafengeschlecht in eine historisch sowohl für Böhmen als auch für das Reich bedeutsame Rolle hineinwachsen würde.(DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe 14. /15. 7. 2001)

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