Przemysl Otakars Glück und Ende

6. Juli 2001, 21:51
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Der Versuch des Böhmenkönigs Przemysl Otakars II., ein Reich von den Sudeten bis zur Adria zu errichten, scheiterte an Rudolf von Habsburg.

Dass Böhmen zu einem nicht zu unterschätzenden Machtfaktor geworden war, zeigte sich nicht nur an der Erhebung seiner Herrscher zu Königen; die Staufer versuchten auch, die Przemysliden durch eine Heirat an sich zu binden: Wenzel/Václav I. (mit den Königen beginnt die Zählung der Herrschernamen neu), der Sohn Przemysl Otakars I., bekam Kunigunde, die Tochter des Stauferkönigs Philipp, zur Gemahlin. Sie wurde Mutter der bedeutendsten tschechischen Herrscherpersönlichkeit des Mittelalters, des nach dem Großvater benannten Przemysl Otakar II., der auch in der österreichischen Geschichte eine nachhaltige, wenn auch letztlich tragische Rolle spielte. Przemysl Otakar I. hatte mit Unterstützung Kaiser Friedrichs II. das Senioriatsprinzip aufgehoben und seinen Sohn noch bei Lebzeiten zum Nachfolger wählen lassen. Damit erfuhr die Zentralgewalt in Böhmen eine Stärkung, allerdings nicht gegenüber den geistlichen Herren - ihnen hatte der König auf päpstlichen Druck Freiheit von allen Lasten und Abgaben gewähren müssen.

Wenzel I. versuchte, durch die Verheiratung seines ältesten Sohnes Vladislav mit der Babenbergerin Gertrud (Tochter des vorletzten Babenbergerherzogs Leopold VI.) für Böhmen einen Anspruch auf Österreich zu sichern. Er beteiligte sich an der Reichsacht, die über den letzten Herzog Friedrich den Streitbaren verhängt worden war. Wie dieser Friedrich hatten auch Gertruds Ehemänner kein langes Leben: Sowohl Vladislav als auch Hermann von Baden starben früh. Nach längeren Wirren huldigte der von Kuenringern und Liechtensteinern angeführte österreichische Adel 1251 dem böhmischen König. Wenzel bestimmte seinen Sohn Przemysl Otakar zum Statthalter, die Ungarn besetzten die babenbergische Steiermark. Otakar wollte sich jedoch das gesamte Babenbergererbe sichern und heiratete die fast doppelt so alte Margarete, die Schwester des gefallenen Friedrich.

1253 folgte der 20-jährige Otakar seinem Vater auf den Königsthron. Er sicherte sich zunächst das päpstliche Wohlwollen, indem er zu einem ersten Kreuzzug gegen die heidnischen Preußen und Litauer aufbrach. 1255 wurde dort der Otakar zu Ehren Königsberg genannte Ort gegründet. Als mächtigster und reichster Reichsfürst wäre er sogar für die deutsche Königskrone in Betracht gekommen, doch verfolgte er dies in dem im Reich ausgebrochenen Interregnum nicht zielstrebig, sondern wandte sich gegen Ungarn, um seinen Anspruch auf die Steiermark mit Waffengewalt durchzusetzen. Er zettelte einen Aufstand des steirischen Adels an, und bei Groissenbrunn im Marchfeld besiegte er König Bela IV.; dieser musste die Steiermark abtreten (1260). Im Jahr darauf erreichte er vom Papst die Scheidung von Margarete und heiratete nun Kunhata, die Enkelin des Ungarnkönigs. Von Richard von Cornwall, einem der beiden ausländischen Scheinkönige, die um den Platz an der Spitze des Reichs stritten, wurde er mit den ehemals babenbergischen Ländern belehnt.

Nach einem neuerlichen Preußen-Kreuzzug zur Unterstützung des dort zur Kolonisation eingesetzten Deutschen Ritterordens brachte das Jahr 1269 den Höhepunkt der Macht Przemysl Otakars II. Der kinderlose Kärntner Herzog Ulrich von Spanheim vermachte ihm Kärnten und Krain. Auch die Reichsstadt Eger hatte Otakar besetzt, die schlesischen Fürstentümer standen unter seiner Oberhoheit, und als vom Papst ernannter Generalvikar für das Patriarchat Aquileia verschaffte er sich den Zugang zur Adria. So unterstand ihm eine Ländermasse, wie sie kein anderer Reichsfürst zur Verfügung hatte.

König Otakar förderte die Einwanderung von Deutschen nach Böhmen und Mähren, weil er sie als Bergbau- und Handwerkskundige schätzte, die waldreichen Grenzregionen von deutschen Siedlern roden ließ und die deutschen Stadtrechte für seine Städtegründungen übernahm. In Österreich begünstigte er die Kirche, die Städte und die kleinen Ritter und bekämpfte den rebellischen Adel. Etliche Burgen ließ er brechen, mit und ohne Gerichtsverfahren wurden Standesherren hingerichtet.

In Otakars Zeit fiel auch eine bedeutende Erweiterung des Stadtgebiets von Wien, der Wohlstand der Bürger wuchs, nach einem verheerenden Brand erließ der Fürst den Wienern sogar die Steuern. Er ordnete hier auch die Münzprägung: Die österreichischen Pfennige hatten zum ersten Mal auf beiden Seiten Bilder - auf der einen den Böhmenkönig, auf der anderen den österreichischen Bindenschild.

Die überragende Machtstellung Otakars dürfte der Hauptgrund dafür gewesen sein, dass die deutschen Fürsten bei der Königswahl 1273 den Grafen Rudolf von Habsburg dem Böhmen, der seine Interessen so rücksichtslos durchzusetzen verstand und ihnen einfach zu mächtig war, vorzogen. Die Kurstimme Böhmens blieb unberücksichtigt. Rudolf forderte Otakar bald nach seiner Wahl auf, alles unrechtmäßig erworbene Reichsgut - die Fürsten hatten der Cornwallschen Belehnung nicht zugestimmt - herauszugeben. Otakar schätzte den schwäbischen Grafen als nicht sehr durchschlagskräftig ein und ignorierte die Ladungen zu Reichstagen, auf denen das Problem vielleicht durch Verhandlungen hätte gelöst werden können.

Daraufhin verfiel er der Reichsacht, der Erzbischof von Mainz exkommunizierte ihn, und der Habsburger marschierte 1276 mit einem Heer in Österreich ein. Der von Otakar drangsalierte Adel schloss sich rasch dem deutschen König an. Otakar, der offenbar eher mit einem Angriff auf Prag gerechnet hatte, fand zu spät zur Gegenwehr und musste im "Wiener Schiedsspruch" auf alle seine Neuerwerbungen verzichten, wurde aber von Rudolf mit Böhmen und Mähren belehnt.

Als Rudolf von Habsburg auch Kontakte zu der gegen Otakar gerichteten böhmischen Adelsopposition, die Otakar die Begünstigung der Deutschen übelnahm, knüpfte, legte dieser eine Gegenmine und schürte eine Verschwörung der Kuenringer und der Patrizierfamilie Paltram. Sie wurde aufgedeckt, und nun waren beide Seiten zum Entscheidungskampf entschlossen. Am 26. August 1278 kam es bei Dürnkrut an der March zur Schlacht. Rudolf erwies sich als der umsichtigere Feldherr, Otakar, dessen persönliche Tapferkeit er bewunderte, wurde auf der Flucht von österreichischen Adeligen brutal erschlagen, sein Leichnam in Wien zur Schau gestellt. So endete der erste Versuch einer Vereinigung der Sudeten- und Donauländer - wie er erst den Habsburgern gelingen sollte. (DER STANDARD, Print-Ausgabe 7. /8. 7. 2001)

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