Drei Anläufe zum böhmischen Königtum

2. Juli 2001, 13:25
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Mit der Vereinigung der tschechischen Lande wuchs das Verlangen der Herzöge von Böhmen nach der Königskrone. Doch erst 1212 wurde Böhmen Erbmonarchie.

Als Jaromir anstelle seines von den Polen verschleppten und geblendeten Bruders Herzog von Böhmen wurde, konnte er nicht ahnen, dass ihn ein paar Jahre später ein gleiches Schicksal ereilen würde. Zum Unterschied aber vom Erstgeborenen Boleslav III. war es bei Jaromir die Bruderhand, die ihn des Augenlichts beraubte (wie in jenen Jahrhunderten im Adel auch die allernächste Verwandtschaft zwar für Thron- und Erbansprüche eine gewichtige Rolle spielte, aber emotionelle Bindungen offenbar selten waren). Erstaunlich bleibt, dass es in dieser Zeit innerer Wirren den Böhmenherzögen dennoch gelang, die Oberhoheit über die Markgrafschaft Mähren zu erlangen. Überrascht erfährt man auch aus den Chroniken, dass die beiden Brüder, wenn auch blind und gefangen, den jüngsten, auf dem Herzogsstuhl sitzenden Udalrich um Jahre überlebten.

Udalrich, der bei Speis und Trank erstickte, war ein legitimer Sohn versagt geblieben. Als einziger Przemyslide für die Nachfolge kam lediglich Brzetislav in Betracht, der einer Verbindung des Vaters mit der Bauerntochter Bozena entsprungen war. Die nicht adelige Blutauffrischung tat der Dynastie offenbar gut: Mit Brzetislav I. (1034-1055) kam ein wagemutiger Haudegen auf den Thron - spätere Chronisten nannten ihn den "tschechischen Achilles" - der sich im Lauf der Jahre als weit blickender Fürst entpuppte. Kaiser Konrad II. misstraute der Gefolgschafts-treue des Böhmen: Bei der Belehnung musste Brzetislav Geiseln stellen.

Familienpolitik a la Brzetislav

Brzetislav regelte seine Familienangelegenheiten zunächst auf seine Weise: Seine Gattin Judith von Schweinfurt entführte er aus einem Nonnenkloster; sie schenkte ihm fünf Söhne. Brzetislav betrieb seine Außenpolitik auf eigene Faust - ohne dafür auf kaiserliche Einwilligung zu warten. Polen war in einen Schwächezustand geraten. Das wusste der Herzog zu nutzen, fiel dort ein, plünderte Krakau und zog in die Erzbischofstadt Gnesen: Dort holte er sich eine Beute, die für die damalige Zeit von unschätzbarem Wert war - die Reliquien des einige Jahrzehnte zuvor von den Preußen erschlagenen heiligen Adalbert (Vojtech), der ja zeitweilig auch (höchst unbeliebter) Bischof von Prag gewesen war. Mit hundert beutebeladenen Wagen und einem Tross Gefangener kehrte er nach Prag zurück.

Der Papst drohte mit dem Kirchenbann, der neue Kaiser Heinrich III. wollte die Ausdehnung der böhmischen Macht auf Polen nicht hinnehmen und schloss Brzetislav mit einem Reichsheer in der Prager Burg ein. Brzetislav musste sich unterwerfen, auf die polnischen Eroberungen verzichten und sich zur Beistellung von Truppen verpflichten, wurde aber dennoch mit Böhmen und Mähren wiederbelehnt. Diese Lehensbindung machte den Herzog von Böhmen zwar nicht zum Reichsfürsten, aber erschwerte die eigenständige Entwicklung des Landes. Die Gebeine Adalberts blieben im Veitsdom.

Bruderzwist

Brzetislav setzte nun auf die innere Konsolidierung seines Landes. Er gab dem nun fest gewonnenen Mähren eine gute Verwaltung und führte die Prager Mark als neue Währung ein. Eine neue Erbfolgeordnung sollte klare Verhältnisse schaffen: nach dem Senioratsprinzip sollte der jeweils Älteste des Herrscherhauses Thronfolger sein, die jüngeren Mitglieder aber mit Teilherrschaften versorgt werden. Brzetislav designierte seinen ältesten Sohn als künftigen Herzog, dessen ihm unterstehenden jüngeren Brüdern wurden mährische Teilfürstentümer verschrieben.

Freilich - als Brzetislav gestorben war, zeigte sich, dass sein Ältester, Spytihnev II., sich keineswegs an die vorsorglich ausgedachten Regeln des Vaters hielt, die Brüder entmachtete und seine Mutter Judith zusammen mit vielen Deutschen vertrieb. Als er, erst 30, kinderlos starb, folgte gemäß der Senioratsordnung sein zweitältester Bruder, Vratislav II. (1061-1092), auf den Thron. Dieser setzte zwei seiner Brüder wieder in ihre mährischen Rechte ein, doch mit dem jüngsten, Jaromir, kam es zum Konflikt.

Der Vater hatte ihn für den geistlichen Stand bestimmt und ihm das Bistum Prag versprochen. Jaromir stand zu Kaiser Heinrich IV. in guter Beziehung, und nach langen Streitigkeiten musste Vratislav dem deutschen Druck nachgeben. Im Investiturstreit blieb Jaromir, der den Bischofsnamen Gebhard angenommen hat, strikt kaisertreu und wurde schließlich auf Jahre Heinrichs IV. Kanzler; das gespannte Verhältnis zu Papst Gregor VII. verhinderte seinen Wunsch, Prag zum Erzbistum zu erheben. Auch Vratislav rechnete mit der Unterstützung des Kaisers, als die Polen in sein Land einfielen; als dessen Verbündeter im Kampf gegen die päpstliche Partei schlug er 1082 in der Schlacht bei Mailberg den Babenberger-Markgrafen Leopold II. und hoffte, seine Herrschaft bis zur Donau ausdehnen zu können. Dies gelang nicht, aber Heinrich IV. erhob ihn 1085 zum König von Böhmen; da der Papst nicht zustimmte, blieb Vratislavs Königswürde nur eine persönliche, nicht vererbbare.

Blutige Abrechnung

Dass Böhmen in den nächsten Jahrzehnten das Königtum vorenthalten blieb, lag auch an den inneren Wirren, die nach Vratislavs Tod erneut ausbrachen. Zeitweilig stritten vier Prätendenten um die Herzogswürde, Polen und Ungarn mischten sich ein, schließlich versuchte der deutsche König Lothar von Supplinburg, die Streitigkeiten mit Waffengewalt zu schlichten, wurde aber von Herzog Sobeslav geschlagen und gefangen genommen. Der gefangene König belehnte Sobeslav mit Böhmen, dieser rechnete mit seinen Konkurrenten blutig ab, war aber fortan ein treuer Gefolgsmann Lothars. Sobeslav stellte die in den Wirren an Polen verloren gegangene böhmische Oberhoheit über die schlesischen Fürstentümer wieder her.

Wieder mussten sich die Przemysliden, auch Sobeslavs Söhne, dem Senioriatsprinzip fügen. Des Königs ältester Neffe Vladislav II. (1140-1173) trat die Herrschaft an; in Deutschland kam zur gleichen Zeit das Geschlecht der Staufer auf den Thron. Die übergangenen Verwandten belagerten Vladislav in der Prager Burg, der deutsche König Konrad III., mit dessen Schwester er verheiratet war, kam ihm zu Hilfe. In seiner Macht gefestigt, rief Vladislav deutsche Orden zur Gründung von Klöstern ins Land und erwies sich auch Konrads Nachfolger Friedrich Barbarossa bei dessen Italienzug gegen Mailand als treuer Gefolgsmann. 1158 krönte ihn Barbarossa zum König und erhob ihn zum Reichsfürsten und Träger eines der "Erzämter" - als Mundschenk. Seinem ältesten Sohn gab Vladislav den deutschen Namen Friedrich.

"Goldenen Sizilianischen Bulle"

Aber auch diesmal verweigerte der Papst die Anerkennung des böhmischen Königtums, Vladislavs Nachfolger mussten sich wieder mit dem Titel "dux", Herzog, begnügen. Und wieder brach Streit um die Thronfolge aus: Der Senior Sobieslav II. und sein Neffe Friedrich kämpften mit wechselndem Glück um den Fürstenhut. Um die gleiche Zeit begann eine massive deutsche Zuwanderung, die nun nicht mehr nur Adelige und Geistliche, sondern auch Handwerker und Kaufleute umfasste. In einem Freibrief gestattete ihnen Sobieslav, unter dem Hradschin in Selbstverwaltung zu leben.

Schließlich ging aus den Wirren Vladislavs jüngerer Sohn Przemysl Otakar I. als Sieger hervor. In Deutschland war es im Streit der Staufer und Welfen zu einem Doppelkönigtum gekommen. Otakar setzte zunächst auf die Welfenpartei, die auch in der Gunst des Papstes Innozenz III. stand. Das verschaffte ihm 1203 die päpstliche Anerkennung als König von Böhmen. Als der Papst aber Prag nicht zum Erzbistum erheben wollte, wechselte Otakar die Seiten; der Staufer Friedrich II. bestätigte 1212 in Basel in der "Goldenen Sizilianischen Bulle" ausdrücklich die erbliche Königswürde und stattete ihn mit Privilegien aus, die sein Land außerhalb des Reichsverbands beließen und dem dem Kaiser nur als Lehensträger unterstellten König von Böhmen innere Unabhängigkeit sicherten. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.6.2001)

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