Es geht um den Wert menschlichen Lebens
Klaus Huber

30. Mai 2001, 20:44
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Was können Biotechnologie und Gentechnik zu einem besseren Leben beitragen? In den vergangenen Jahrzehnten wurde viel Wissen erarbeitet, das einen ersten Einblick in die Komplexität des Lebens erlaubt. Seit kurzem ist die Rohfassung des fast vollständigen menschlichen Genoms fertig gestellt, viele andere Genome von unterschiedlichsten Organismen sind bereits bekannt. Die dabei entwickelten Technologien werden für die Menschen wichtig sein, sind zurzeit aber noch mit vielen Fragezeichen behaftet.

Etwa in der Lebensmittelproduktion. Stimmt schon: Kurzfristig kann und soll die Versorgung mit Lebensmitteln qualitativ verbessert werden (z. B. können neu eingebrachte Vitamine in Reissorten viel zur Verbesserung der Lebensqualität in Entwicklungsländern beitragen). Langfristig muss die wachsende Zahl der Menschen garantiert ernährt werden können. Gibt es dafür aber schon eine ausgereifte Technologie? Sicherlich nicht. Noch sind viel zu wenige Tier- und Pflanzen-Genome bekannt, bzw. die physiologischen Kenntnisse von Genexpression, Zusammenwirken diversester Moleküle etc. erforscht, um von mehr als einem ersten Experimentieren mit Genomen sprechen zu können. Es ist daher kontraproduktiv, wenn durch das Einbringen von neuen Stoffen in ein Grundnahrungsmittel dessen Gesamtgehalt an Nährstoffen sinkt. Allerdings ist dieses erste Probieren wichtig, um Wissen zu erlangen und zukünftig geordnet in Genome eingreifen zu können. Das heißt aber auch: Es ist derzeit sicher nicht sinnvoll, ganze landwirtschaftliche Bereiche auf diesem Experimentierstadium zu begründen. Man sollte nichts überstürzen, sondern sorgfältig forschen. Das Zusammenwachsen von Universitäten und Industrie ist dabei möglicherweise der richtige Schritt in diese Richtung. Es darf freilich nicht um Profitmaximierung ohne Rücksicht auf Verluste gehen. Die Industrie übernimmt hier ein hohes Maß an Verantwortung.

Verbesserte Lebensqualität

Viel wurde zuletzt vom Klonieren von Menschen gesprochen. Jede Entwicklung, die zu einer verbesserten Lebensqualität der Menschen führt, ist zu begrüßen. Die Errungenschaften der Genetik machen Verbesserungen für die Diagnostik und längerfristig auch für die Therapie von Krankheiten möglich. Durch eine entsprechende gesetzliche Regelung, wie z. B. in Österreich, kann ein Missbrauch von genetischen Daten wirksam verhindert werden. Zu bedenken ist nur, dass viele Krankheiten nicht unbedingt durch die genetische Konstellation der individuellen Genome hervorgerufen werden, sondern durch die Lebensweise (Krebs ist zu über 85 Prozent durch Ernährung, Rauchen, Umweltgifte verursacht, Herz-Kreislauf-Probleme, Dickleibigkeit, Asthma etc. durch die Lebensweise bedingt). Ein allzu enger Blick auf die Genetik verschleiert eventuell das Auffinden der wahren Ursachen für viele Erkrankungen. Außerdem ist der Mensch mehr als die Summe seiner Gene und durch diese nicht absolut festgelegt.

Die Menschheit benötigt unzweifelhaft immer bessere Technologien, da z. B. das enge Zusammenleben Epidemien immer häufiger macht oder die Abfallprodukte des Wirtschaftens großräumig die Lebensverhältnisse zerstören. Andererseits muss sich jede Technologie in den Dienst des Menschen stellen. Es ist zu hinterfragen, ob die Möglichkeiten des Klonierens genau das tun: Innerhalb von nur 30 Jahren schaffte die Menschheit den Sprung vom Sex ohne Fortpflanzung (Pille) zur Fortpflanzung ohne Sex (künstliche Befruchtung bis Klonen). Gerade aber die Fortpflanzung ist ein sensibler Bereich, was die Entstehung von Werturteilen und das soziale Verhalten des Menschen betrifft: In einer Welt vor nur 50 Jahren bedeutete die geschlechtliche Beziehung mit einem anderen Menschen noch eine Anhäufung von möglichen Schwierigkeiten und deren Bewältigung: Die Tatsache, dass einer Beziehung Kinder entwachsen können, legte langfristiges Planen auf. All diese Überlegungen im Vorfeld einer Beziehung prägten das Verhalten der Menschen über Jahrtausende. Plötzlich ist dies nicht mehr notwendig. Alle Werte, die sich daraus ableiteten, wie Beständigkeit, Treue, Verantwortung, Aufrichtigkeit, sind nicht mehr gefragt.

Ein tiefer Eingriff

Die Technologie des Klonierens ist also keine bloße Technik zur Erzeugung von Nachkommen, sondern greift tief in ein Wertesystem ein, welches schon sehr schnell und stark verändert wurde. Die Machbarkeit eines Menschen degradiert diesen zu einem Produkt, welches natürlich in großem Ausmaß den Anforderungen an ein "gutes" Produkt ausgeliefert ist. Da diese Technologie nicht beherrscht wird, handelt es sich bei deren Durchführung also nicht um die Erzeugung von Menschen, sondern um (verbotene) Experimente am Menschen. Selbst wenn diese Technik serienreif sein wird, bleibt die grundlegende Frage nach dem damit ständig sinkenden Wert menschlichen Lebens erhalten.

Die Freiheit der Wissenschaft darf nicht zu einem Angriff gegen die Menschlichkeit führen. Möglicherweise fängt aber der Mensch durch die Gentechnik zu begreifen an, wie einzigartig er ist. Die Komplexität unseres Seins, die Fähigkeit, aus unserer - biologisch gesehen - reinen Stofflichkeit herauszutreten, lässt vielleicht ahnen, dass unsere Bestimmung von uns selbst gewählt werden kann. Klaus Huber ist Leiter des molekularbiologischen Labors im Zentral-Labor des Donauspitals und Mitglied der Gentechnik-Kommission des Bundesministeriums für soziale Sicherheit und Generationen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe 31. 5. 2001)

Ein Plädoyer für Verantwortungsgefühl im Umgang mit den Errungenschaften der Biotechnologie und Gentechnik von Klaus Huber
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