Roman Sebrle

28. Mai 2001, 19:29
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Zehnmal über die Mauer

Dort, wo Hähne krähen und Kühe weiden, nämlich in Vorarlbergs Götzis, zwitschern die Vogerln vom Dach des Mösle-Stadions. Nur einmal im Jahr sind sie leicht irritiert, so Ende Mai. Immer dann, wenn die universellen Leichtathleten auftauchen, um ihr Meeting abzuhalten. Götzis und Zehnkampf ist wie Woodstock und Hendrix. Das weiß quasi jeder Ochse.

"Die 9000 Punkte werden 2001 hier fallen", sagte der Tscheche Tomás Dvorák im Jahre 2000. Er meinte natürlich eher sich selbst, hat ein bisserl geirrt, im Prinzip aber Recht behalten. Es war eben ein anderer. Sein Landsmann und Trainingspartner Roman Sebrle schaffte am 26. und 27. Mai 2001 famose 9026 Punkte. Die arme Welt hat somit wieder eine ihrer Grenzen verloren, eine weitere Mauer wurde durchbrochen. Schuld daran sind Götzis und Sebrle. Er selbst beruhigte, indem er sagte: "Die 10.000 Punkte wird es nie geben, das schafft kein Mensch."

Dvorák hatte vor zwei Jahren in Prag die magische Marke 9000 um sechs Zähler verfehlt; er gab zu, dass er sich damals am liebsten in den Hintern gebissen hätte. Jetzt jubelte er mit Sebrle. Zehnkämpfer, sagen nicht nur die Zehnkämpfer, sind eine liebe Familie. Vielleicht auch deshalb, weil das große Geld längst die Spezialisten, vor allem die Sprinter, machen. Der neue Weltrekordler sprach sich vor dem finalen 1500-Meter-Lauf mit dem in dieser Disziplin Stärksten, dem Ungarn Attila Zsiwotski, ab. Der erklärte sich bereit, den Hasen zu mimen. Und zog den Jäger über die Mauer. "Ich wollte lieber sterben, als diese Chance vergeben."

Der 26-jährige Sebrle wurde in Landskron geboren, wohnt in Prag, trainiert bei der Dukla, ist Sportsoldat, wird von Zdenek Vana, Dvoráks Schwiegerpapa, betreut. Bis er 20 war, spielte er nebenbei Fußball, entschied sich dann aber für den Zehnkampf. "Ich spürte, dass ich dazu geboren bin." Die tschechische Schule gilt als die beste der Welt, die Athleten werden kontinuierlich aufgebaut, vermutlich ist die medizinische Abteilung auch nicht die schlechteste. Sein Manager Libor Varhanik wusste es schon immer. "Er trainiert richtig, hat enormes Talent und ein Potenzial für weit mehr als 9000 Punkte."

Sebrle gilt als feinfühlig und charismatisch, speziell in Tschechien, die Mädchen sollen verrückt nach ihm sein. Eine, die Läuferin Eva Kasalova, hat ihn erwischt, seit Oktober sind die beiden verheiratet. In Sydney gewann er die Silberne, in Götzis verbesserte er gleich acht seiner persönlichen Bestleistungen. Erklären konnte er diese Steigerung nicht wirklich: "Zuvor habe ich an die 9000 Punkte noch nicht gedacht. Die Betonung liegt aber auf dem Wort noch." Dann habe der Wettkampf eine Eigendynamik bekommen. "Es ging nicht nur, es ging immer besser. Und es ging nur in Götzis."

(DER STANDARD, PRINTAUSGABE 29.5. 2001)

Von Christian Hackl
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