Es ist kalt im deutschen Wald

27. Mai 2001, 21:27
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Kurt Palms "Freischütz"-Albtraum in Linzer Landestheater

Linz - Da kommt diesmal keine Freude auf bei Carl Maria von Webers Schluss-C-Dur. Die greisen Brautjungfern, Agathe, Max, Cuno und Konsorten sowie das vergessliche Volk erstarren in der kalten Landschaft wie später der Wanderer am Ende von Schuberts Winterreise. Kurt Palm setzte in der Neuinszenierung des Freischütz am Linzer Landestheater ganz auf die Schattenseiten der biedermeierlichen Frühromantik.

An deren vormoderner Resistenz prallte die Aufklärung großteils ab wie an einer kugelsicheren Weste, die offenbar auch Agathes zarte Brust vor der tödlichen Freikugel bewahrte. Archaisch bepelzt vollziehen die Jäger ihre rituellen Gesten, High-Noon-Stimmung herrscht rund um die Entsorgung von Kaspars Leiche. Die mystische Wolfsschlucht-Szene könnte einem Kultbuch des Satanismus entnommen sein. Allerorten herrscht Aberglaube, Angst und Dummheit.

Demgegenüber setzte Palm einen klugen Kunstgriff: Er entfernte die peinlichen Dialoge und verpackte sie in einen Prosatext, der, von einem Kind gelesen, als Märchen rückerinnert wird. Der Albtraum, den er so in Gang hält, wird indes durch ironisierende Akzente einige Male gebrochen; so, als hätte sich Palm doch nicht distanzlos vom angsterfüllten Grausen in die Hölle einer dumpfen Gesellschaft treiben lassen wollen.

Trefflich unterstützt ihn Ursula Hübners Bühne: einer kalten, leicht stilisierten Winterlandschaft setzt sie eine pointiert-ironische Häuslichkeit und eine gespenstische und mit surrealen Zitaten versehene Wolfsschlucht gegenüber. Und doch gewinnt die Erzählung erst im letzten Akt an Konsistenz. Vorher lässt das Changieren zwischen Ernst und Groteske zu viele Flucht- oder zu wenige satirische Möglichkeiten offen, kommt das Geschehen nicht vom Fleck, wofür auch Ingo Ingensands langsame Tempi verantwortlich sind.

Diese süße Musik ist durch Verlangsamung schwer zu schärfen; die Rhythmik wird schwerfälliger, aber keineswegs bedrohlicher. Und dem Sängerensemble machen derart gedehnte Phrasierungen das Leben auch nicht leicht. Dieses ist von überdurchschnittlicher Qualität, allen voran Bettina Jensen (Agathe), Stephen Gould (Max), Carsten Wittmoser (Eremit) und Andrea Lang (Ännchen).
(Reinhard Kannonier/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 5. 2001)

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