Brustkrebs: Nachgefragt bei Maria Deutinger

23. Mai 2001, 19:56
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Die Sofortrekonstruktion der Brust nach einem Eingriff bringt Vorteile

Maria Deutinger über die sofortige Rekonstruktion der Brust bei einer Krebsoperation.

Standard: Eine in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Epidemiology" vorgestellte Großstudie des Nationalen Krebsinstitutes der USA findet keinen Zusammenhang zwischen der Verwendung von Implantaten nach Brustkrebsoperationen und Bindegewebserkrankungen. Das widerlegt frühere Debatten, wonach Silikon gefährlich sein soll.

Deutinger: Somit kann körpereigenes Gewebe und ohne weiteres auch ein Silikonimplantat zum Brustaufbau verwendet werden. Bezüglich des Zeitpunktes der Rekonstruktion spricht sehr viel für einen Brustaufbau unmittelbar nach der Entfernung der Geschwulst unter anderem deshalb, weil Krebspatientinnen dadurch das Verlusterlebnis erspart bleibt. Frauen, die das Erlebnis des Verlustes einer Brust nicht haben, haben es leichter im Umgang mit ihrer Krankheit. Der Brustaufbau hilft beim Bewältigen der Erkrankung, weil die persönliche psychische Situation einer Brustkrebspatientin Einfluss auf die Erkrankung nimmt. Hier sind die plastischen ChirurgInnen gefordert, ihren Teil beizutragen.

Standard: Die Empfehlungen von MedizinerInnen gehen hier auseinander, nicht alle plastischen ChirurgInnen befürworten die Sofortrekonstruktion der Brust, weil das für Patientinnen eine zusätzliche Belastung bedeuten könne.

Deutinger: Die Sofortrekonstruktion ist weltweit anerkannt und aus onkologischer Sicht gerechtfertigt, sie schließt auch eine Chemo- und Strahlentherapie nicht aus. Es gibt allerdings Ausschlussgründe, nämlich die Allgemeinsituation einer Patientin. In manchen Fällen ist eine längere Operation, wie sie die Sofortrekonstruktion nun einmal bedeutet, nicht günstig. Eine Rekonstruktion mit körpereigenem Gewebe zum Beispiel dauert vier bis fünf Stunden.

Standard: Welche Möglichkeiten der Sofortrekonstruktion stehen heute in der plastischen Chirurgie zur Verfügung?

Deutinger: Körpereigenes Gewebe, das dem Rücken oder Bauch entnommen und transplantiert oder ein fach geschwenkt wird, oder Fremdmaterial wie eine Silikonhülle mit Gel- oder Kochsalzfüllung. Fremdmaterial hält allerdings nicht ewig, kann schmerzhaft verhärten und lässt sich nicht so gut formen wie körpereigenes Gewebe. Mit Fremdgewebe geht die Operation allerdings schneller. Man kann zum Beispiel mit der Expandermethode die Haut vordehnen, das später durch ein Implantat ersetzt wird. Das erspart der Patientin zusätzliche Narben.

Standard: Wie viele Eingriffe sind in aller Regel erforderlich, bis das Ergebnis der Sofortrekonstruktion auch ästhetisch zufriedenstellend ist?

Deutinger: Eines der Qualitätskriterien ist natürlich die Form der Brust, die ästhetisch-künstlerische Komponente unserer Arbeit. In den seltensten Fällen genügt hier ein ein ziger Eingriff. Korrekturoperationen an der anderen Brust werden zu einem späteren Zeitpunkt durchgeführt.

Standard: Wird aus Ihrer Sicht ausreichend oft von der Möglichkeit der Sofortrekonstruktion Gebrauch gemacht?

Deutinger: Viele BehandlerInnen informieren die Patientinnen nicht genügend, da gibt es Informationsdefizite. Eine Brustkrebsoperation gehört interdisziplinär von ChirurgInnen, OnkologInnen, StrahlentherapeutInnen und plastischen ChirurgInnen geplant. Die Möglichkeit einer Sofortrekonstruktion sollte dabei stärker mit ein fließen.
(rbe) - DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 23/24.05.2001

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