"Vergesst Kurt Waldheim"

23. Mai 2001, 10:11
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Der US-Historiker Evan Burr Bukey über offene Fragen zu "Hitlers Österreich"

Angelsächsische Historiker sammeln lieber zuerst Quellen, ehe sie eine Theorie aufstellen. Evan Burr Bukey von der University of Arkansas hat genau das getan und Berichte des SD (des Geheimdienstes der SS) und andere Spitzeldossiers über die Stimmung in Österreich während der Nazi-Herrschaft ausgewertet. Herausgekommen ist ein in diesem Frühjahr erschienenes Buch (Hitlers Österreich, Europaverlag), und geblieben sind offene Fragen von beträchtlichem Gewicht.

Bukey, der sich derzeit in Österreich aufhält, meint, dass es immer noch nicht klar ist, wann und ob überhaupt sich ein "Österreich-Gefühl" während des Nazi-Regimes entwickelte:

"Stalingrad war ein enormer Schock, und der Mythos ist, dass das ein gewisses Österreich-Gefühl geweckt hat. Die SD-Berichte weisen darauf hin, dass die Leute sehr verwirrt und aufgeregt waren, weil sehr viele Österreicher in Stalingrad waren - aber im Frühjahr 1943 standen die Leute nach meinen Forschungen wieder hinter der Kriegsanstrengung. Ihr habt einige der besten Historiker in der Welt. Aber niemand hat das systematisch erforscht. Oder was die Reaktion auf die Moskauer Deklaration war, in der die Allierten Österreich als erstes Opfer Hitlers bezeichneten."

Es sei auch noch nicht richtig geklärt, wie viel die Österreicher über den Holocaust wussten. Bukey: "Ich habe in Göttingen studiert und viele Leute getroffen, die Bescheid wussten. Aber all die Jahre in Österreich habe ich so etwas nicht erlebt. Und es scheint auch in diesen SD-Berichten nicht auf. Es gibt sehr erschreckende Berichte, dass die Leute in Wien der Deportation von Juden applaudierten, aber das heißt natürlich nicht, dass sie wussten, die werden umgebracht."

Ebenfalls noch unklar: In welchem Ausmaß waren die Österreicher am Holocaust beteiligt? Bukey: "In meinem Buch erwähne ich die Ziffer 40 Prozent, aber das kommt von einer anderen Quelle, und in Wahrheit wissen wir es nicht sicher. Ein anderes Gebiet von enormem Interesse wäre die Rolle der Österreicher in der Wehrmacht. Da waren besonders wichtige Generäle wie Rendulic und natürlich Löhr. Löhr war eine extrem interessante Figur. Er diente diesem brutalen Regime und bewahrte sich doch einen Sinn für Ehre. Er führte diesen außerordentlich geschickten Rückzug quer durch den Balkan von Griechenland nach Österreich durch, und dann ergab er sich freiwillig den Jugoslawen und wurde nach einem Tribunal erschossen" - wegen der von ihm durchgeführten Bombardierung Belgrads.

Und natürlich war er der Chef Kurt Waldheims, der ins einem Stab saß. Gibt es eine Chance, dass Waldheim von der Watchlist kommt ? "Ich weiß es nicht, wirklich nicht. Ich glaube nicht, dass sich viele Leute in den USA dafür interessieren. Oder dass sich die Bush-Administration sehr dafür interessiert. Ich weiß nicht, ob er seinerzeit überhaupt auf die Watchlist gehörte. Aber für die USA ist es nicht wichtig."

Sollte er von der Watchlist ? "Ich weiß es nicht, wirklich nicht. Ich glaube aber, dass es in Österreichs bestem Interesse wäre, wenn die ganze Frage einfach vergessen würde. Denn wenn er von der Watchlist kommt, dann machen ein paar Gruppen in den USA einen ungeheuren Stunk. Und die Haider-Leute werden dann sagen: Na klar, das ist die Ostküste." Aber die Außenministerin Ferrero bemüht sich jetzt doch darum ? "Am besten lässt man es unangetastet. Wie immer man es anpackt, es macht unnötigen Ärger." (Hans Rauscher)
(DER STANDARD, 23.5.2001)

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