Der diskrete Charme des Geldes

21. Mai 2001, 21:09
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Ein Buch enthüllt die Kontakte der West-Medien zur Stasi

Berlin - Bezogen prominente westdeutsche Journalisten Informationen aus trüben DDR-Quellen? Wie haben SED und Staatssicherheit die westlichen Medien beeinflusst? Und: Warum berichteten Zeitschriften und Magazine der alten Bundesrepublik über die Jahrzehnte immer nachsichtiger über die DDR-Diktatur? Diese und ähnliche Fragen versucht der Zeithistoriker Hubertus Knabe in dem unlängst in Berlin unter großem Medienrummel veröffentlichten Band Der diskrete Charme der DDR zu beantworten.

Geschickt verstieß Knabe im Vorfeld der Veröffentlichung gegen einige Publikationsregeln der Gauck-Behörde und brach mit der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Marianne Birthler einen Rechtsstreit vom Zaun. Während der Leipziger Buchmesse löste deshalb die Vorstellung des Werkes, das noch nicht erscheinen durfte, einen Tumult aus.

Knabe musste die Behörde, deren Abteilungsleiter er war, Ende März verlassen. Als dann schließlich der Stern und sein ehemaliger Chefredakteur Manfred Bissinger die Veröffentlichung mit hohen Ordnungsstrafen zu verhindern suchten und alle ihnen zur Verfügung stehende publizistische Macht gegen Knabe in Stellung brachten, machte das die Öffentlichkeit erst richtig scharf.

Knabes Familie gehört zum politischen Urgestein der alten Bundesrepublik. Sein Vater Wilhelm war einer der wenigen prominenten Konservativen, die Ende der 70er-Jahre die Grünen mitbegründeten. Hubertus Knabe selbst arbeitete eine Zeit lang als Sprecher der Grünen in Bremen.

Seine Enthüllungen sind von unterschiedlicher Qualität. Doch Knabe ist der Erste, der systematisch in den 180 Regalkilometern der Stasi-Akten die vielfältigen Verbindungen von SED und MfS - Ministerium für Staatssicherheit - zu den westdeutschen Medien erforschte.
Mitarbeiter von Focus, Spiegel, Quick, Bild und der taz berichteten für die Staatssicherheit. 31 Jahre lang war zum Beispiel der Leiter des Bonner Korrespondentenbüros der Bild-Zeitung und spätere Spiegel-Militärexperte Diethelm Schröder (Deckname "Schrammel") Inoffizieller Mitarbeiter. Andere, wie Zeit-und ARD-Journalist Hans-Jakob Stehle oder der FAZ-Korrespondent Dettmar Cramer pflegten innige Verbindungen mit Größen aus dem ostdeutschen Partei- und Staatsapparat. Stehle (Kontaktperson "Jakob") lieferte ausgiebig politische Interna aus dem Kreis um Willy Brandt und Egon Bahr oder als streng vertraulich eingestufte Protokolle über die Neue Ostpolitik.


Stasi-Einflüsterungen

Bereitwillig und kritiklos leisteten wieder andere bei ostdeutschen Desinformationskampagnen Hilfestellung. Hier erwies sich nach Knabe das Magazin Stern als in besonderem Maße anfällig für Stasi-Einflüsterungen. Knabe stützt diese These mit umfangreichem Material in einem eigenen Kapitel. Besonderes Aufsehen erregte sein - allerdings nur schwach belegter - Vorwurf, SED und Stern hätten hinter der "Enteignet Springer"-Kampagne Ende der 60er-Jahre gestanden: "Nicht auszuschließen" sei, hieß es dazu in Knabes Manuskript, dass die DDR auch bei einer Titelgeschichte "ihre Finger im Spiel hatte", die der damalige Stern-Redakteur Manfred Bissinger unter der Überschrift "Die Axel-Springer-Story" verfasste.

Diese Behauptungen wurden Knabe vom Hamburger Landgericht untersagt - ein Erfolg für Bissinger. Der Stern, der Knabe unvollständige Zitate vorwirft, unterlag dagegen vor Gericht: Der Wissenschafter darf weiterhin schreiben, das Magazin sei bereit gewesen, "propagandistisch aufbereitete Materialien aus der DDR zu verwenden".

Knabe betritt mit seinem Buch vermintes Gelände. Verlag und Autor erwarten weitere Prozesse. Die Lektüre des aufwendigen Puzzlespiels bereitet allerdings kein Vergnügen. Knabe schreibt rechthaberisch, voller Ressentiment und besitzt einen unzerstörbaren Vorbehalt gegen jeden politischen Gedanken links vom nationalkonservativen Kanon der 50er-Jahre. Dennoch ist Der diskrete Charme der DDR ein wichtiges Buch. Die bisherige Auseinandersetzung um die Stasi konzentrierte sich auf die DDR und ihre ehemaligen Bürger. Knabes Veröffentlichung hat den Leitmedien der Bundesrepublik nun in sehr kurzer Zeit deutlich gemacht, dass die Staatssicherheit auch Teil ihrer eigenen Geschichte ist.
(STANDARD-Mitarbeiter Christian Schwandt/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 5. 2001)

Hubertus Knabe
Der diskrete Charme der DDR -
Stasi und Westmedien

öS 364,-/340 Seiten
Propyläen Verlag,
Berlin 2001

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