Deutschland-USA: Diplomatischer Flurschaden - Von Alexandra Föderl-Schmid

20. Mai 2001, 20:43
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Wohl kaum ein Brief hat der Außenpolitik eines Landes je solchen Schaden zugefügt. Das an die Öffentlichkeit gelangte zehnseitige Schreiben des deutschen Botschafters in Washington, Jürgen Chrobog, ist dazu angetan, dass es sich die Regierung in Berlin gleich mit mehreren Staaten verscherzt. Der diplomatische Kollateralschaden, den die Wiedergabe des Gesprächs im kleinen Kreis um US-Präsident George Bush und den deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder verursacht hat, ist immens.

Bush und US-Außenminister Colin Powell werden nicht gerade amüsiert darüber sein, ihre abfälligen Bemerkungen über Palästinenserpräsident Yassir Arafat in der deutschen Presse nachlesen zu können. Auch die zaghaft begonnenen Versuche der Deutschen, sich in Nahost als Vermittler einzuschalten, sind mit einem Schlage zunichte gemacht. Auch wenn das, was Schröder über Jordaniens König und den syrischen Präsidenten sagte, nicht für die Veröffentlichung bestimmt war, zeigt es offensichtlich seine wahren Einschätzungen. Auch die Beziehungen zu Libyen dürften nachhaltig gestört sein. Ob Schröders Berater Michael Steiner bei dem Gespräch in Washington gesagt hat, Muammar Gaddafi habe ihm die Terroranschläge von Lockerbie und La Belle gestanden, oder der Botschafter dies falsch interpretiert hat, ist nicht mehr zentrale Frage.

Vielmehr muss danach geforscht werden, wie alles an die Öffentlichkeit gelangte. Vieles deutet auf eine undichte Stelle im Auswärtigen Amt. Der Verdacht liegt nahe, dass mit der Veröffentlichung des Briefes Schröders Berater diskreditiert werden sollte. Rivalitäten zwischen dem Außenpolitiker im Kanzleramt und dem Auswärtigen Amt gab es immer. Aber niemals wurde dadurch außenpolitisch solcher Schaden angerichtet. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. Mai 2001)

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