"Zutiefst betrübt" über das Schweigen des Papstes

15. Mai 2001, 21:35
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Antisemitische Aussagen von Syriens Staatschef Bashar al-Assad schlagen eine Woche danach hohe Wellen

Damaskus/Washington/Wien - Mit Anzeigen in der New York Times und der International Herald Tribune hat die Anti-Defamation League am Montag auf die antisemitischen Aussagen von Syriens Staatschef Bashar al-Assad vor einer Woche anlässlich des Papstbesuchs in Damaskus reagiert: "Johannes Paul II., wir sind zutiefst betrübt über Ihr Schweigen", heißt es unter den einschlägigen Zitaten. Am selben Tag in denselben Zeitungen schaltete das American Jewish Committee ein ganzseitiges Inserat, unter dem Titel "Die große Lüge lebt noch" werden Statements nahöstlicher Zeitungen aufgeführt, in denen der Holocaust geleugnet oder die Hitler-Vernichtungspolitik verherrlicht wird. Bei Letzterem hat die ägyptische al-Akhbar die beachtliche Verrenkung vollführt, Hitlers Vorgehen gegen die Juden als antizipierte Rache für das Vorgehen Israels gegen die Palästinenser zu erklären (im Original hört sich das etwas krasser an).

Alle Schranken sind gefallen, der Kriegsrassismus bringt auf der arabischen Seite wieder das Phänomen des Antisemitismus der Semiten an den Tag. Im konkreten Fall der Assad-Aussagen ist er von rein religiösem Extrakt - das ist beachtlich deshalb, weil Assad immerhin der Chef eines knochentrocken säkularen Regimes ist, das selbst den Islamismus bekämpft und deren Vertreter notfalls tötet. Vorher hatte der junge Staatschef schon mehrmals den Zusammenhang zwischen "israelischem Rassismus" und Nazitum hergestellt. Diesmal haben nun die Juden Jesus Christus "verraten und gefoltert" (laut Koran ist Jesus ja nicht am Kreuz gestorben), und sich gegen den Propheten Muhammad gestellt: alles koranisch - was eine Papst-Replik darauf zum interessanten interreligiösen Eiertanz gemacht hätte.

Zumindest der griechisch-katholische Erzbischof von Jerusalem, Lutfi Laham, hätte theoretisch gewusst, wie Assad zu korrigieren gewesen wäre: nämlich nicht, dass "die Juden" nicht für das Leiden Christi verantwortlich wären, sondern dass sie ihn eben nicht nur gefoltert, sondern umgebracht haben. Im israelischen (!) Fernsehen formulierte er das vor etwa einem Jahr etwas eleganter, danach "gibt es keinen Zweifel daran, dass die Juden verantwortlich waren, denn sie haben ihn den Römern überstellt". Aber dass der religiöse Antisemitismus kein islamisches Phänomen ist, weiß man hierzulande ja ohnehin.

Interessant ist an der unappetitlichen Geschichte weiters, dass Bashar al-Assad angesichts der weltweiten Kritik via syrische Medien einen Rückzieher machte. Tatsächlich gab es jahrelang einen gewissen Konsens darüber, wie man offiziell von Israel spricht, auch wenn man mit ihm verfeindet ist. Diesen Konsens hat Assad gebrochen, aus Absicht oder Unwissenheit ist unsicher.
(DER STANDARD, Printausgabe, 16.5.2001)

von Gudrun Harrer
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