Akrobatische Rechtfertigungskünste

16. Mai 2001, 11:19
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...benötigt die Festivalleitung, weil sie den französischen Kassenschlager "übersehen" hat: "Le Fabuleux Destin d'Amelie Poulain"

Cannes - Selten nur waren sich Filmkritiker und Publikum so einig. Ein Meisterwerk der Perfektion und Poesie, schwärmt die sonst doch eher zurückhaltende Zunft. Mehr als zwei Millionen drängten sich in den ersten Wochen bereits an den französischen Kinokassen, um den allenthalben viel gepriesenen Film endlich sehen zu können. Ein neuer Star sei mit der jungen Hauptdarstellerin geboren, meinte so mancher nach dem Kinogang. Nur in Cannes glänzt der Film, der seinem Regisseur täglich körbeweise Post ins Haus schwemmt, durch Abwesenheit. Warum fehlt "Le Fabuleux Destin d'Amelie Poulain" von Jean-Pierre Jeunet auf dem größten Filmfest der Welt?

"Le Monde" schimpft "Rendezvous verpasst!"

Das Festival an der Cote d'Azur, das häufig erst mit seiner Preisvergabe für heftigen Streit und Gesprächsstoff sorgt, hatte seine Auseinandersetzung diesmal schon in den ersten Festivaltagen. Der neue künstlerische Leiter Thierry Fremaux habe so gleich mit seinem Einstand ein "Rendezvous verpasst", maulte die angesehene Pariser Tageszeitung "Le Monde". Die Boulevardpresse sprach von "Skandal" und "Ausschluss" eines wunderschönen Films (in Deutsch "Das märchenhafte Schicksal der Amelie Poulain"), der schon in alle Welt verkauft worden sei, als allein das Drehbuch fertig war.

Wenn nicht Cannes, dann eben München..."

Die herzerwärmende Geschichte von der guten Fee vom Montmartre eröffnet am 30. Juni das Münchner Filmfest. Die Pariser Kneipe, die im Film Schauplatz praller menschlicher Irrungen und Verwirrungen ist, hat sich wenige Wochen nach dem fulminanten Kinostart bereits in ein Kult-Bistro verwandelt. Der Film erzählt die unwahrscheinliche Geschichte der jungen Amelie, die nach schwerer Kindheit nur ein Ziel verfolgt: Sie will alle Welt glücklich machen, hat dann aber arge Schwierigkeiten, ihr eigenes Los ins Lot zu bringen.

Als Bonbon wollte man den Film ausser Konkurrenz zeigen - der Regisseur wollte nicht

Für Cannes war es zu spät, das Kind war in den Brunnen gefallen. Dieses unwiderstehliche Werk "übersehen" zu haben, zwang die Leitung zu einigen akrobatischen Rechtfertigungskünsten. Jeunets Film sei der erste in einer langen Reihe gewesen, die zu begutachten waren, und er sei technisch auch noch nicht fertig gewesen, hieß es. "Produzenten und Regie-Team haben sich dann entschlossen, den Film vor Cannes in Frankreich in die Kinos zu bringen", was einen Start im Wettbewerb nicht mehr möglich machte, erläutert Fremaux. Als Bonbon wollte er den Renner des französischen Kino-Frühlings auf Großleinwand außer Konkurrenz zeigen. Doch das wollte der Regisseur wiederum nicht.

Spritziger Publikumsfilm contra intellektuelle Auswahlkriterien?

Kann Cannes einen spritzigen Publikumsfilm mit seinen Kriterien einer eher intellektuellen Auswahl nicht vertragen? Wiederholt ist die Frage in der Geschichte des Festivals laut geworden, immer wurde sie kategorisch verneint. Immerhin sind doch vier französische Werke im Wettbewerb, während der deutsche Film erneut nicht vertreten ist. (APA/dpa)

LINK zur offiziellen Website

amelie-lefilm.com
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