Virtuoser Wahnwitz mit Methode

13. Mai 2001, 19:28
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Aimard spielt Ligeti

Wien - Die Frage, ob seine Klavieretüden spielbar seien, verfolgt György Ligeti seit der Niederschrift der Nr. 1 ("Désordre") im Jahr 1985. Anlässlich der Uraufführung der Etüde Nr. 18 ("Canon") amüsierte sich György Ligeti nun darüber in einem Pressegespräch, saß neben ihm doch mit Pierre-Laurent Aimard jener Musiker, der beharrlich und überzeugend das Gegenteil beweist.

So wie Franz Liszts Etüden (auch sie galten als unspielbar) zählen nun auch jene Ligetis zu den Pflichtprogrammen großer Wettbewerbe. Nicht zufällig, denn man kann sie in bester romantischer Tradition als Charakterstücke à la Chopin, Skrjabin, Debussy verstehen, sind sie doch ebenso "aus den Tasten und der Stellung der zehn Finger" herausentwickelt. (Der Hörer zweifelt freilich, dass nur zehn Finger im Einsatz sind.) Mitunter verweist Ligeti sogar auf seine Paten, etwa in der Etüde Nr. 13 ("L'escalier du diable"), die sich explizit auf Liszt bezieht.

In ihrer rhythmischen Komplexität, den surrealen Verzerrungen und metrischen Doppeldeutigkeiten betraten die Etüden gleichwohl Neuland. Vom grafischen Werk Maurits Eschers angetan, spielt Ligeti wie dieser mit jähen Perspektivwechseln, entwirft verwirrend-faszinierende Spiegelkabinette. Die Ohren beginnen dabei zwar nicht - um ein Wort von Pierre Boulez aufzugreifen - zu schielen, an aufzuschlüsselndem Hörmaterial herrscht jedenfalls kein Mangel.

Der gut besuchte Festwochen-Abend im Konzerthaus spannte neben allen Etüden (nunmehr achtzehn in drei Büchern) auch den Bogen zu Musica ricercata (1951/53), dem pianistischen Frühwerk Ligetis, dessen Nr. 2 ("Mesto. Parlando") durch die Verwendung in Stanley Kubricks ultimativem Eyes Wide Shut weite Verbreitung fand.

Zwei Skalen

An Bezügen zum Film herrscht ohnehin kein Mangel. Die Nr. 9 ("Vertige"), im Duktus von wahnwitziger Expressivität, lässt den Hitchcock-Klassiker Vertigo assoziieren. Auch die Nr. 11 ("En suspens") legt einen Bezug zu cineastischen Spannungsverläufen nahe.

Die neue Etüde ist relativ kurz, geht von zwei einfachen Skalen aus, die sich bald vermischen, gegenseitig transformieren. Sie evozieren unterschiedliche Klanggestalten, die rasch wechseln. Mitunter verlaufen sie synchron. Auch hier: ein Spiel mit Hörerwartungen und der Wahrnehmung von Zeitstrukturen.

Es war schlicht atemberaubend, mit welch spielerischer Leichtigkeit Aimard dieses Programm bewältigte. Er quälte sich damit nicht ab, sondern schien den pianistischen Parforceritt geradezu zu genießen. Danach großer Jubel - und Ligeti im Zentrum. Ein Hauch von Musikgeschichte.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 5. 2001)

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