Flüchtlingsdrama von Dover: Neun Jahre Haft für Menschenschmuggler

11. Mai 2001, 16:43
posten

Prozess um Erstickungs- tod von 58 Chinesen in Lkw Laderaum

Rotterdam - Elf Monate nach dem Flüchtlingsdrama von Dover hat ein Gericht in Rotterdam am Freitag sieben Angeklagte wegen Menschenschmuggels zu Haftstrafen bis zu neun Jahren verurteilt.

Sie sollen die Überfahrt von 60 Chinesen in einem Gemüselastwagen nach Großbritannien organisiert haben, bei der im Juni vergangenen Jahres 58 Flüchtlinge qualvoll im Laderaum erstickten.

Forderung: 20 Jahre Haft

Die Staatsanwaltschaft hatte Haftstrafen zwischen sechs Monaten und 20 Jahren für die insgesamt neun Angeklagten gefordert. Der niederländische Lkw-Fahrer Perry W. war bereits im April in Großbritannien wegen Totschlags zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Das Flüchtlingsdrama hatte weltweit Entsetzen ausgelöst.

9 Jahre Haft für Chefs der Bande

Die beiden niederländischen Hauptangeklagten türkischer Herkunft, Gürsel Ö. und Haci D., wurden als Chefs der Schleuserbande zu jeweils neun Jahren Gefängnis sowie zu Geldstrafen bis zu 97.000 Gulden (44.017 Euro/605.683 S) verurteilt. Fünf Mitangeklagte erhielten Haftstrafen zwischen 30 Monaten und sieben Jahren. Zwei weitere Angeklagte wurden vom Vorwurf der Fälschung freigesprochen. Die meisten Angeklagten wurden wegen fahrlässiger Tötung, Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und Menschenhandels zur Verantwortung gezogen.

Berufung

Staatsanwalt Johan Klunder wollte zunächst nicht sagen, ob er Berufung gegen die Urteile einlegen will, weil er weit höhere Strafen für die Angeklagten gefordert hatte. Dagegen erwägen die Anwälte der Angeklagten eine Berufung.

Fahrer beahuptete nichts von Flüchtlingen gewusst zu haben

Bereits im April hatte ein Gericht im südenglischen Maidstone den 33-jährigen Lkw-Fahrer Perry W. wegen Totschlags verurteilt. Der Fahrer behauptete, nichts von den Flüchtlingen in seinem Laderaum gewusst zu haben. Dagegen sah es das Gericht als erwiesen an, dass Wacker die Flüchtlinge in Rotterdam an Bord nahm. Vor der Schiffspassage nach England habe er ein kleines Belüftungsfenster am Laderaum geschlossen, um die Grenzbeamten nicht auf die Menschen aufmerksam zu machen. Damit habe er das Schicksal der 54 Männer und vier Frauen besiegelt. Der britische Zoll hatte die Leichen der Opfer am 18. Juni vergangenen Jahres hinter Paradeiserkisten entdeckt. (APA/AFP/dpa)

Share if you care.