500.000 Tonnen Pestizid-Giftmüll bedrohen Menschen und Umwelt

9. Mai 2001, 14:25
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Nicht entsorgete Spritzmittel verrotten in dritter Welt

Rom - Mehr als eine halbe Million Tonnen Pestizid-Giftmüll bedroht in fast allen Entwicklungsländern sowie in vielen Staaten des ehemaligen Ostblocks die Gesundheit von Millionen von Menschen und die Umwelt. Dies geht aus einem neuen Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hervor.

Die neuen Angaben sind dramatisch höher als alle früheren Schätzungen, die sich auf rund 100.000 Tonnen beliefen. Bei dem Müll handle es sich um alte, nicht mehr benutzbare Schädlingsbekämpfungsmittel, die zum Beispiel in vielen Ländern längst verboten sind oder deren Verfallsdatum abgelaufen ist, hieß es am Mittwoch in einer Aussendung.

Nicht benutzt und nicht beseitigt

Der Pestizidmüll hat sich nach FAO-Angaben angesammelt, da viele Produkte nicht benutzt und anschließend nicht beseitigt wurden. Sie blieben als Müll in den Empfängerländern zurück. Viele afrikanische Länder haben beispielsweise bis Ende der achtziger Jahre bei der Bekämpfung von Heuschrecken Dieldrin benutzt. Als damals entschieden wurde, Dieldrin nicht mehr einzusetzen, blieben die noch vorhandenen Bestände als Altlasten zurück.

Im allgemeinen sind Pestizide rund zwei Jahre lang haltbar. Unter tropischen Bedingungen jedoch und bei unsachgemäßer Lagerung können sie noch früher verfallen, betonte die FAO.

Gebrauchsanweisungen wurden nicht verstanden

Pestizidmüll sei auch entstanden, weil Behälter nicht beschriftet waren oder Gebrauchhinweise so verfasst wurden, dass viele Menschen sie nicht verstehen konnten. Deshalb seien viele Schädlingsbekämpfungsmittel nicht benutzt worden.

Beseitigung von Pestizidmüll ist teuer

Die Beseitigung von Pestizidmüll ist teuer und wird den Angaben zufolge auf etwa drei Dollar pro Kilogramm oder Liter geschätzt. Bisher hätten fast ausschließlich Regierungen und Hilfsorganisationen für die Aufräumarbeiten bezahlt, darunter die Niederlande, Deutschland, USA, Schweden sowie die FAO. In Afrika und im Nahen Osten seien bisher weniger als 3.000 Tonnen Giftmüll beseitigt worden.

Die FAO appellierte an die in der Globalen Pflanzenschutzföderation zusammengeschlossenen Firmen, sich dringend an der Verbrennung von Pestiziden finanziell zu beteiligen. Die Industrie hat sich in der Vergangenheit dazu verpflichtet, die Verbrennung zu finanzieren; bisher haben sich die Firmen aber kaum daran gehalten, so die FAO. "Die Unterstützung von seiten der Industrie ist auch für zukünftige Aufräumaktionen besonders wichtig," sagte Alemayehu Wodageneh. "Hilfsorganisationen und Geberländer allein können die Kosten nicht tragen."

Über 200.000 Tonnen in Osteuropa

In Afrika und im Nahen Osten wird der Pestizid-Müll auf rund 100.000 Tonnen geschätzt, in Asien auf über 200.000 Tonnen und in Osteuropa und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion auf ebenfalls über 200.000 Tonnen. Für Lateinamerika liegen bisher noch keine Angaben vor.

"In vielen Ländern sind die Pestizid-Müllbestände alarmierend hoch", sagte FAO-Mitarbeiter Alemayehu Wodageneh. "Dieser 'vergessene' Müll ist extrem gesundheitsgefährdend und bedroht die Böden und das Grundwasser. Wo Schädlingsbekämpfungsmittel versickern, können große Flächen vergiftet werden, die dann für den Anbau von Nahrungsmitteln nicht mehr zu gebrauchen sind".

Gift lagert nahe an Feldern und Brunnen

Der Giftmüll hat sich nach FAO-Angaben in den vergangenen 30 Jahren angesammelt und wächst weiter an. Es handelt sich dabei um einige der gefährlichsten Insektenbekämpfungsmittel wie Aldrin, Chlordan, DDT, Dieldrin, Endrin und Heptachlor, sowie um Organophosphate.

Pestizide können nach ihrem Ablaufdatum in andere Substanzen zerfallen, die oft giftiger sind als das ursprüngliche Produkt. Außer Chemikalien gehören noch verseuchte Spritzgeräte, leere Pestizidtonnen, Kartons und Mengen an hochverseuchten Böden zu den Altlasten.

In unmittelbarer Nähe dieser Giftmüllplätze würden Menschen ihre Nahrung zubereiten, Kinder spielen oder Tiere grasen. Es gebe zwar keine genauen Untersuchungen über Gesundheitsschäden, aber viele Menschen klagten über Kopfschmerzen, Übelkeit und Atembeschwerden, so die UNO-Einrichtung. (APA)

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