"Die Männerrollen sind halt oft die geileren Rollen"

11. Mai 2001, 19:02
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Interview mit Monique Schwitter, der Lady Macbeth auf der Grazer Probebühne

Monique Schwitter ist in Zürich geboren und aufgewachsen, nach dem Studium am Mozarteum in Salzburg wieder zurück nach Zürich, längere Jahre in Berlin und seit Beginn der Intendanz von Matthias Fontheim 2000 in Graz und seit Sonntag als Lady Macbeth auf der Probebühne zu sehen.

dieStandard: Du bist jetzt seit Anfang der Spielzeit in Graz, wie gefällt dir die Stadt und was meinst du zum Vorwurf, Graz sei eine Provinzstadt?

Schwitter: Graz hat für mich immer das Image einer jungen, wilden Stadt mit mediterranem Flair gehabt, mit all den Studenten, dem steirischen Herbst etc. Wie ich in Salzburg studiert habe, bin ich wirklich nach Graz um was zu erleben. Gut, so wild ist Graz schlußendlich dann nicht, aber als Provinzstadt würd ich sie nicht bezeichnen. Ich finde auch die Lage total spannend, so in Richtung Süd-Ost-Europa.

dieStandard: Du hast ja bis jetzt in Graz in so gut wie nur richtigen Saisonhits mitgewirkt, wie Gier oder Präsidentinnen.

Schwitter: Ja, das stimmt. Aber auch mit Schädelstätte hatten wir gute Publikumserfolge.

dieStandard: Präsidentinnen und Schädelstätte sind ja beides "Frauenstücke", sprich nur mit weiblichen Darstellerinnen. Wie ist das grundsätzlich, gibt es mehr Männer- als Frauenrollen? Auch das Ensemble in Graz hat ein Geschlechterverhältnis von 11 zu 16...

Schwitter: Klar gibt es mehr und vor allem auch geilere Männerrollen. In der Literatur bis in die 60er Jahre ist das enorm. Aber es verändert sich zunehmend... Mit 11 Jahren hat mich Parzifal unglaublich fasziniert, später der Hamlet. Der Punkt ist schon auch der, dass die Männer auf der Bühne sich im Schlamm wälzen, kämpfen und was weiß ich und die Frauen sind schön im Hintergrund, verkörpern eine Amme oder "Die-zu-begehrende". Männer haben mich da halt mehr beeindruckt, weil sie halt auch die geileren Rollen hatten. Männerrollen zu spielen interessiert mich eigentlich noch immer.

dieStandard: Ist dieses auch zahlenmäßige Ungleichgewicht auch am Arbeitsmarkt spürbar?

Schwitter: Ja klar, für Frauen ist es ungleich schwieriger. Es fängt schon in der Schauspielschule an, wo sich 400 Leute bewerben und 300 davon sind Frauen, da hat mans als Mann gleich leichter, auf so einer Schule genommen zu werden. Und danach gehts erst richtig ab. In Graz gibt es ja relativ viele Frauen, an anderen Häusern ist das Verhältnis oft 1:3.

dieStandard: Wie ist das mit Jobs in höheren Positionen, Dramaturgie oder Regie zum Beispiel?

Schwitter: Ich hab schon das Gefühl, dass sich da was ändert. Vor allem eben in den Bereichen Dramaturgie und Regie kommen immer mehr Frauen, die sich dann auch naturgemäß für Frauenthemen interessieren. Und auch in der neueren Literatur sind mehr geile Frauenrollen drin.

dieStandard: Wie geht's dir mit deiner Rolle in Macbeth? Steht Lady Macbeth nicht im Gegensatz zu den anderen, heldenhalften und männlichen Charakteren und ist schuld an der Misere von Macbeth und Schottland?

Schwitter: Ich denk nicht in Kategorien wie Schuld oder Unschuld. Ich kann mich mit mir selber nicht in diesen Kategorien auseinandersetzen, deshalb verbiete ich mir das auch bei den Figuren die ich spiele. Ich will wissen, wo sitzt der Motor des einen Menschen, was für eine Sehnsucht hat dieser Mensch, und nicht ob er oder sie gut oder böse ist.

Mich hat da das Bild interessiert, das Shakespeare gezeichnet hat von dieser Frau, die komplett allein und eigentlich lebendig begraben mitten in den Highlands sitzt und nur die ganz Zeit darauf wartet, wann ihr Alter aus der Schlacht kommt. Sie ist völlig isoliert von der eigentlichen Welt, der Welt der Männer, die nur aus Krieg und Mord besteht. Und daraus kommt eine immense Sehnsucht, sich selbst zu spüren, ganz einfach zu leben. Und dann bekommt sie in ihrer Einsamkeit diesen Brief, dieses Versprechen auf Leben und sie ergreift ihre einzige Chance und zieht sie durch.

Natürlich finde ich es auch moralisch verwerflich, jemanden zu töten. Aber die Kategorie Mord hat ja nicht diese Frau erfunden, sondern sie versucht sich nur in diese "reale" Welt einzuklinken und irgendwie die Mittel dieser Welt zu übernehmen, bei der sie nicht dabei sein darf. Aber sie geht daran kaputt und wird verrückt. Das ist das eigentlich traurige für mich, da werden Gesetze gemacht und die Frau übernimmt sie und geht daran kaputt.

dieStandard: Stichwort "Gegenwartsbezug"?

Schwitter: Genau. Meiner Meinung nach ist die Situation heute nicht anders. Ich will nicht behaupten, bei uns ist alles Mord und Totschlag. Aber es herrschen ganz rauhe Gesetze, egal ob auf dem Theater oder sonst wo. Die Frauen dürfen nicht anders, sondern besser mit den Mitteln der Männer sein. Da geht's halt nicht drum, jemanden umzubringen, aber doch ihn von seinem Stuhl zu schaffen. Und die Frauen machen da mit. Ich sag das nicht als Anklage gegen die Frauen, ich sag nur, entweder du sagst, ich mach da nicht mit, aber dann bist du halt auch nicht vorhanden, oder du versuchst dich an die Spitze vorzukämpfen.

dieStandard: Wie ist dein momentanes Resümé über die Spielzeit?

Schwitter: Dafür ist es meiner Meinung noch zu früh. Die wichtige Frage lautet, wie es weiter geht. Mit Gier haben wir eine Setzung gemacht, das war auch eine formale Setzung. Auch wenn dieses Stück den Abonnenten nicht gefällt, gibt es anscheinend ein Bedürfnis danach. Ich denk mir, es ist wichtig, bei Gier weiterzumachen, denn wenn die Probebühne nur der kleine Ableger der Hauptbühne werden soll, dann denk ich mir, hat das ganze keinen Zweck und dann kann man sie zumachen. Es gibt eh genug zu tun und wir bespielen nur mehr das Haupthaus. Es geht darum, ein Profil zu erarbeiten, die Leute sollen wissen, wofür sie sich entscheiden und was sie erwartet, wenn sie hier hoch gehen. Natürlich solls nicht drum gehen, Bedürfnisse zu bespielen. Ich würde mir wünschen, dass da oben weiter geforscht und experimentiert wird.

dieStandard: Danke für das Gespräch.

Das Gespräch führte Elke Murlasits.

Macbeth - Ein Projekt

Inszenierung: Robert Schmidt
Bühne und Kostüm: Susanne Maier-Staufen
Mit: Monique Schwitter, Susanne Lichtenberger, Franz Friedrich, Felix Knopp, Stefan Maaß, Franz Solar, Aljoscha Langel

Vorstellungen: 11., 16., 31. Mai, 03., 06., 14., 15., 18., 20. Juni 2001

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