Gebranntes Kind scheut Feuer nicht

8. Mai 2001, 17:44
posten

BMW-Sportdirektor Gerhard Berger und die Sehnsucht nach dem WM-Titel

Wien - Das Ansinnen ist im Grunde schlicht, problematisch ist nur, dass alle dasselbe wollen. Der olympische Gedanke zählt nicht im profesionellen Sport, schon gar nicht in der Formel 1, und wenn sich zwei wie Williams und BMW zusammentun, dann kann die Latte nur hoch hinaufgelegt werden. Der traditionell erfolgreiche englische Formel-1-Auto-Produzent (neun Konstrukteurs-WM-Titel, sieben Fahrer-WM) und die Bayrischen Motorenwerke, die 1983 im Verein mit Brabham und Nelson Piquet am Steuer den Titel geholt hatten, schlossen einen Vertrag für fünf Jahre, und der Zweck der Zusammenarbeit ist der WM-Titel in der Formel 1. Mit selbigen Ansprüchen vermählten sich vor Jahren McLaren und Mercedes, und es schauten bisher zwei WM- Titel heraus.

Die Miniröcke und . . .

Nun glühen die BMW-Williams die zweite Saison über die Formel-1-Pisten dieser Welt, und BMW-Sportdirektor Gerhard Berger muss zum wiederholten Mal so kommentieren: "Wir sind unserem Zeitplan voraus." Der erste Podestplatz war schon beim ersten Rennen in der ersten Saison passiert, und Ralf Schumacher, der damals schuld am dritten Platz war, war auch heuer schuld am ersten Sieg in Imola. "Natürlich ist unser Ziel der WM-Titel", sagt Berger, der in diesem Zusammenhang auch sagt, "dass ich genau weiß, wie schwierig das ist. Ich bin ja ein gebranntes Kind." Berger hielt sich nahezu in seiner gesamten Formel-1-Karriere in der mehr oder weniger erweiterten Spitze auf, dem Titel freilich kam er nie ernsthaft in die Nähe.

. . . die grauen Anzüge

Berger taugt die Arbeit, und er fasst den Unterschied zwischen gestern und heute in einem plakativen Wort zusammen: "Das Umfeld hat sich geändert. Früher haben sie Miniröcke angehabt, jetzt graue Anzüge." Der Unterschied ist natürlich komplexer. Zu großen Zielen braucht man eine Menge qualifiziertes Personal. 200 bis 220 Menschen sind in der BMW-Motorsportabteilung für das Formel-1-Projekt am Werken, bei Williams sind es rund 360. Dank des bisher Erreichten, meint Berger, identifizieren sich nun viel mehr Mitarbeiter mit dem Projekt, nicht nur die direkt eingebundenen, ein Motivationsschub gehe um, sei es an den Fließbändern, sei es in den Verkaufsräumen. "Am Anfang hat es viele Zweifler gegeben, einige haben nur lustlos zugeschaut. Jetzt ist jeder stolz und steht dahinter." Und er erinnert sich an seine Zeit bei Honda (im Verein mit McLaren). Die Japaner seien die ersten gewesen, die die Formel 1 nicht nur zu Imgagezwecken, sondern auch zur Mitarbeitermotivation nutzten.

"Wir dürfen nicht erwarten, dass wir schon heuer konstant vorne sind. Es werden noch die anderen Seiten des Geschäfts kommen, wir werden darüber diskutieren, warum wir nicht vorne sind." Der neue Reifenpartner Michelin leiste ebenfalls (wie Williams, wie BMW) Großartiges, nur im Regen sei man noch nicht konkurrenzfähig. Am Wochenende in Spielberg werde man erstmals die erste Ausbaustufe der Traktionskontrolle einsetzen, in Barcelona wäre dies noch zu riskant gewesen. Berger ist davon überzeugt, dass die Ausfälle Mika Häkkinens (McLaren) und Rubens Barrichellos (Ferrari) damit zusammenhingen, Ralf Schumacher hingegen habe sich nach einem Fahrfehler von der Piste gedreht.

Die Traktionskontrolle ist übrigens deshalb wieder erlaubt, weil es der FIA technisch nicht mehr möglich war, einen eventuellen reglementwidrigen Einsatz festzustellen. Irgendwie erinnert das an die Dopingdiskussion, wenngleich die althergebrachte Ethik doch einen Unterschied macht, ob man einen Menschen oder eine Maschine manipuliert. (Benno Zelsacher)

(DER STANDARD, PRINTAUSGABE 9.5. 2001)

Share if you care.