Pensionen: Nur wenige Vorzeige-Stachanows - von Eva Linsinger

7. Mai 2001, 20:22
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In immer kürzeren Abständen wird am Pensionssystem herumgedoktert

Es ist kein Zufall, dass sich derzeit vor allem Journalisten und Manager quer durch Diskussionsrunden als freiwillige Stachanows feiern lassen und das Loblied der Arbeit bis ins späte Alter singen. Ist doch für sie die Pension nicht nur mit teils beträchtlichen Einkommensverlusten ("dank" der ASVG-Höchstpension von rund 30.000 Schilling brutto), sondern auch mit gesunkenem Sozialprestige verbunden. Wenn Weiterarbeiten sich finanziell lohnt, dazu das Selbstbewusstsein hebt und körperlich keine Probleme bereitet, gibt es wenig Grund, sich früh zur Ruhe zu setzen.

Die Vorzeige-Stachanows sind aber die große Ausnahme im Frühpensionistenland Österreich: Nicht mehr als 41 Prozent der 55- bis 59-Jährigen und dürftige 11,7 Prozent der 60- bis 64-Jährigen sind in Österreich noch erwerbstätig - und arbeiten sich wenigstens annähernd an das gesetzliche Pensionsalter von 65 Jahren heran. Auch das ist kein Zufall: Wurde doch das Pensionssystem jahrzehntelang als Arbeitsmarktinstrument missbraucht.

Das nützte dem Image der (staatsnahen) Unternehmen, die reihenweise Beschäftigte nicht in die Arbeitslosigkeit, sondern in die Frühpension schickten. Das nützte auch den Bilanzen - jüngere Arbeitnehmer sind billiger als ältere. Das gefiel vielen Arbeitnehmern, die gerne die Pensionisten- der Werksbank vorzogen. Und nicht zuletzt war es politischer Konsens, lieber hohe Frühpensionisten- statt hohe Jugendarbeitslosigkeitsraten zu produzieren.

Während der langjährigen Praxis, Ältere in die Frühpension zu entsorgen, sanken die Geburtenraten, die Lebenserwartung stieg, immer weniger Erwerbstätige standen immer mehr Pensionisten gegenüber - kurz: Das System wurde immer schwerer finanzierbar. Daran haben die Pensionsreformen der Jahre 1997 und 2000 nicht wirklich etwas ändern können, wenn auch beide Schritte in die richtige Richtung gingen.

Viel zu kleine Schritte allerdings - wie schon das Verfallsdatum zeigt: Die Pensionsreform 1997 hielt nur bis 2000, und der Pensionsreform 2000 folgt schon jetzt die nächste Debatte über "Arbeiten bis 65". Und auch diese Diskussion wird von der nächsten gefolgt werden, wenn statt einer grundlegenden Pensionsreform in immer kürzeren Abständen wieder nur ein bisschen am Pensionssystem herumgedoktert wird. Denn das Grundargument ist nicht wegzudiskutieren: Längere Lebensdauer erfordert eine längere Lebensarbeitszeit.

Wie die erreicht werden kann, dazu haben Experten schon einiges Hirnschmalz in Studien fließen lassen: Erstens lohnt es sich in Österreich generell zu sehr, in Frühpension zu gehen - weil, wie manche Wissenschafter meinen, die Abschläge für die Frühpension zu niedrig sind. Zweitens werden zwei Bevölkerungsgruppen mit einem niedrigeren Pensionsalter beschenkt: öffentlich Bedienstete und Frauen. Die Ausnahmeregelungen für beide sind nicht aufrechtzuerhalten - Änderungen brauchen aber sowohl Übergangszeiten als auch Ersatzlösungen, etwa eine ausreichende Anrechnung der Kinderbetreuungszeit für die Pension. Drittens aber ist gerade in körperlich anstrengenden Berufen, wo zudem ab 15 gearbeitet wird, längeres Weiterarbeiten gesundheitlich schwer möglich.

Um diese unterschiedlichen Voraussetzungen in eine gerechte Reform zu gießen, ist viel Fantasie gefragt - und eine Zusammenarbeit der Regierung mit den Sozialpartnern. Derzeit richten sich beide gegenseitig Vorwürfe aus, was zwar Zeitungen und Fernsehsendungen füllt, aber niemandem hilft.

Jedes Nachdenken über eine längere Lebensarbeitszeit setzt eine Bedingung voraus: einen funktionierenden Arbeitsmarkt für Ältere. Solange Frauen ab 40 und Männer ab 50 Jahren als unvermittelbar gelten, solange jeder zweite Frühpensionist vor dem Ruhestand arbeitslos wird, so lange kann jede Debatte über eine Anhebung des faktischen Pensionsalters von den Betroffenen vor allem als eines empfunden werden - als schlicht zynisch. (DER STANDARD, Print, 8.5.2001)

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