Die Kluft zwischen Geist und Fleisch

10. Mai 2001, 11:19
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Franz Wohlfahrt will der Austria helfen, sein Körper lässt das immer seltener zu

Wien - Nicht alles, was viele Deutungen zulässt, ist ein Kunstwerk. Rapid mag nicht zuletzt aufgrund der insgesamt leicht lebhafteren Lebenseinstellung das 225. Derby 2:0 gewonnen, den UEFA-Cup-Platz abgesichert haben, Appetit auf den Cupsieg und ganzganzganz leise Hoffnung auf den Titel hegen. Die Rapid bleibt mit Sturm der einzige ernsthafte Gegners Tirol auf den Titel. Doch niemand weiß besser als TM Ernst Dokupil, dass die schweren Zeiten der Rapid nur vertagt wurden.

Austrias SD Arie Haan dürfte sich mit der Verlegung von Christian Mayrleb ins vordere Mittelfeld selbst gefesselt haben, vielleicht trieb ihn auch nur die Ratlosigkeit, was er mit dem in tiefer Unform dahintreibenden Stürmer anfangen solle. Und Jochen Janssen scheint sein Leiden an Wien offenbar zu lähmen. Als einmal gegen Spielende eine der ganz raren Austria-Flanken sich zu ihm verirrte, köpfelte er an die Latte. Es war wie ein Sonnenstrahl durch eine dunkle, tiefe Wolkendecke.

Der alte Franz

Eigentlich war es schon in der 36. Minute vorbei. Krzysztof Ratajczyk schoss aus 25 - 30 m, rutschte dabei aus, Austrias Torhüter Franz Wohlfahrt erwischte den flachen Schuss ins lange Eck nicht - 1:0. Ein haltbares Tor? Die langen, flachen Bälle sind sowieso nicht Wohlfahrts Stärke. Noch am Freitag wusste Haan nicht, warum der eigentlich als verletzt gemeldete Wohlfahrt (vorsichtig) mittrainierte. Und am Sonntag spielte er, weil Wohlfahrt, so Haan, "die Nummer eins" sei. Aber. Im Sommer beginnt die Einteilung der Hackordnung zwischen Wohlfahrt und dem Zweier Wolfgang Knaller neu, Knaller hat nur deswegen noch einmal unterschrieben.

Das erste Derby-Tor ist das letzte in einer Reihe, die Wohlfahrt als großen Torhüter am Ende seiner Karriere zeigen. Er kam marod aus Stuttgart, nach einem Spiel musste er lange Pausen einlegen, tastete sich zum nächsten Match, litt unter Heinz Hochhausers strikter Übungsroutine, die ihm keine Ausnahme zubilligte, obwohl ein 90-Minuten-Training mittlerweile für seinen ausgepowerten Körper eine Grenzbelastung darstellt.

Führungsversuch

Als Führungsspieler und Frank Stronachs Liebling wollte er Feuer in die Mannschaft gießen, doch die Kollegen reagierten nicht. Wohlfahrt zog sich zurück, kassierte zweifelhafte Tore, verlor, wenn man das überhaupt einem Torhüter anlasten kann, die Spiele gegen den GAK, in Bregenz (gute Leistung, unnötiges Tor), in Salzburg. Das Länderspiel gegen Spanien trieb ihn (chronische Mandelentzündung) zum Training, danach legte er eine schöpferische Pause ein. Nach dem Derby im November 2000 hörte er mehr oder weniger mit dem Training auf, ließ sich die Mandeln nehmen, regelte eine Beckenverletzung. In der Wintervorbereitung erwies sich der ältere Zweiergoalie Wolfgang Knaller als körperlich ungleich fitter, doch Wohlfahrt spielte. Er gewann der Austria das Match in Innsbruck, rettete das Team gegen Israel (wo er nicht gut spielte, aber Elfer hielt), und führte die Austria in Ried zum Erfolg.

Wohlfahrts Stärken, Ausstrahlung und Besessenheit im Spiel, sind intakt, doch er braucht immer längere Pausen. Nach wochenlanger Absenz wirkte er am Sonntag wieder frisch, er bringt nach wie vor gute Resultate, wenn er sich ausgerastet hat.

Ob Haan mehr gewinnt oder verliert, wenn er weiter auf Wohlfahrt setzt, wer kann das sagen, die Deutungen schwanken wohl auch mit dem persönlichen Geschmack. Und persönlichen Gusto kann sich Haan derzeit nicht leisten, was er braucht, ist ein dramaturgisches Konzept, das über das masochistische Prinzip der Lusterzeugung hinausgeht. (Johann Skocek)

(DER STANDARD, PRINTAUSGABE 7.5. 2001)

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