Dorfjunge an die Macht...

4. Mai 2001, 19:59
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Jazzgitarrist Jim Hall über Sonny Rollins und Präsident George W. Bush

Wien - Seltsam mitunter, wie historisch bedeutsame Begegnungen zustande kommen: "Ich kannte Sonny Rollins in den 50er-Jahren nicht gut. Deshalb war ich eher überrascht, als ich im Postkasten öfters kleine Zettel fand, auf denen stand: 'Lieber Jim, ich würde gerne mit dir über Musik sprechen, Sonny!' Ich war natürlich nicht leicht erreichbar. Da ich meine Rechnung nicht bezahlt hatte, wurde mein Telefon abgedreht."

Als man sich schließlich in Halls New Yorker Appartement traf, erschien Rollins nicht mit Saxophon, dafür mit einer Tasche, in der irgendetwas krabbelte. Was es war, wollte er erst später sagen - "Zuerst reden wir über Musik, Jim!", meinte Rollins, und Hall (71) muss heute wie damals lachen, denn in der Tasche war ein Chamäleon. Sonnys Haustier. Über Musik konnte Jim Sonny viel erzählen. Er hatte sich, obwohl Jazzgitarrist, viel mit der 2. Wiener Schule beschäftigt, liebte auch Bartók. Dessen Konzert für Orchester hat er gerüchtweise auf Tourneen immer im Gepäck. Es ist nicht zu leugnen: Bei Hall hat sich die Sehnsucht des Jazz nach der Klassik dauerhaft niedergelassen. Wie man im Konzerthaus hören konnte, ist er aber vor allem ein stilbildender Gitarrist. Besser: Man konnte nicht viel davon hören.

Solist Hall trat nämlich hinter den Komponisten zurück, und Komponist Hall pendelt zwischen Hochexpressivem à la Schönbergs Verklärte Nacht, Bartók wie Schostakowitsch und braver akademischer Sterilität. Zudem liebt er schwülstige Klangbilder, ist aber als Arrangeur (bei Django) ein subtiler Bastler von atmosphärischer Kraft.

Dass er ein Weltmeister des subtilen spontanen Gitarren-Aphorismen ist, hat er diesmal fast unerwähnt gelassen - dazu beschäftigte ihn die Zusammenarbeit mit dem Motus Ensemble doch zu sehr. Den Rest besorgte der Mann am Mischpult, der Hall ziemlich leise hielt. So schlimm wie unlängst bei Charlie Haden war es nicht. Hall ist weit raffinierter in seiner Kopplung von klassischer Kammermusik und Jazzband.

Ein Duo Haden/Hall wäre sinnvoller gewesen; so hätten beide mit ihrer substanzvollen Seite in Wien zum Zug kommen. Wie wär's? Hall wird sicher gerne wieder nach Wien kommen - seit der Präsidentenwahl in Amerika ist er womöglich reisefreudiger denn je. Es scheint ihm fast peinlich zu sein, über George W. Bush zu reden: "Es ist ziemlich schrecklich - es ist, als würden wir nun ins 12. Jahrhundert zurückgehen. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken. Jemand prophezeite, vielleicht war es Nostradamus, dass dereinst ein nicht sehr heller Dorfjunge irgendwo an die Macht kommen würde. Daran muss ich jetzt ziemlich oft denken ..."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 5. 2001)

Von
Ljubisa Tosic

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