Braunschweig: Prozess um sechsfachen Mord bei Familienfeier

2. Mai 2001, 16:32
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Angeklagter gestand Tat - Mit Wahnvorstellungen begründet

Braunschweig - Im Prozess um einen sechsfachen Mord bei einer Familienfeier hat der 24 Jahre alte Angeklagte vor dem Landgericht Braunschweig die Tat gestanden und sie mit Wahnvorstellungen begründet. Er habe unter Drogen gestanden, und ein Geist habe ihn zu der Bluttat aufgefordert, sagte er unter Tränen zum Prozessauftakt am Mittwoch.

Frau, Schwester, zwei Brüder und Schwager und Schwägerin getötet

Der Mann hatte der Anklage zufolge am 22. Dezember 2000 in der Wohnung seiner Eltern in Salzgitter seine schwangere Frau, eine Schwester, zwei Brüder sowie einen Schwager und eine Schwägerin mit Kopfschüssen getötet. Seine Mutter überlebte mit lebensgefährlichen Verletzungen und ist seither halbseitig gelähmt. Die Anklage geht davon aus, dass der Kranführer wegen Streitigkeiten in der Familie aus Rachsucht gehandelt habe.

Anonymer Drohungen gegen den Angeklagten Der Prozess begann am Mittwoch wegen anonymer Drohungen gegen den Angeklagten unter starken Sicherheitsvorkehrungen. Unter den Zuschauern saßen auch Angehörige des Angeklagten, die seinerzeit nicht bei der Familienfeier waren. Als Staatsanwältin Anke Beyer-Stockhaus dem 24-Jährigen vorhielt, er habe seine wehrlosen Verwandten heimtückisch und gezielt niedergestreckt, sank der Mann zusammen, hielt sich die Hände vor das Gesicht und weinte. Er hatte sich nach dem Amoklauf der Polizei gestellt und dort bereits nach Angaben eines Polizeibeamten einen wirren Eindruck gemacht und von Hexen gesprochen.

Drogenspuren im Blut

Den Ermittlungen zu Folge hatte sich die seit mehr als 20 Jahren in Deutschland lebende Familie am 22. Dezember zum moslemischen Ramadanfest in der Wohnung der Eltern versammelt. Plötzlich zog der 24-Jährige seine Pistole und schoss nacheinander auf alle anwesenden Erwachsenen. Einen seiner Brüder rief er telefonisch unter einem Vorwand eigens in die Wohnung. Auch sechs Kinder hielten sich in der Wohnung auf und wurden teilweise Zeuge des Blutbades.

Der Angeklagte unterbrach seine Aussage mehrfach. Er habe wegen Problemen bei seiner Arbeit gelegentlich Drogen genommen, auch am Nachmittag vor der Tat Kokain und Ecstasy, sagte er. Ein Rechtsmediziner bestätigte vor Gericht, dass nach der Festnahme Drogenspuren im Blut und Urin des Angeklagten gefunden wurden. An den genauen Tathergang könne er sich nicht mehr erinnern, sagte der 24-Jährige. "Ich habe einen Geist gehört, der verlangt hat, dass ich sie töten soll", sagte er. Deshalb habe er, als er bei seinen Eltern eintraf, seine Pistole aus dem Auto mit in die Wohnung genommen.

Rache für einen Streit mit einem Bruder bestritt er als Motiv. Die Anklage hingegen stützt sich auf Zeugenaussagen, denen zufolge es in der Familie häufiger Streit mit dem 24-Jährigen gegeben habe. Auch lägen Zeugenaussagen vor, wonach der Angeklagte vor der Tat im Wald Schießübungen veranstaltet hat. Daraus schließt die Staatsanwaltschaft, dass der 24-Jährige die Tat geplant habe und deshalb auch nicht - wie ursprünglich angenommen - als schuldunfähig angesehen werde könne. Für den Prozess sind neun Verhandlungstage angesetzt, 24 Zeugen und acht Sachverständige geladen. (APA/Reuters)

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