Königsungarn, Sultansprovinz, Vasallenfürstentum

13. April 2001, 20:43
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In mehreren Wellen drangen die Osmanen im 16. und 17. Jahrhundert gegen Wien vor, teils mit Unterstützung der Ungarn, teils gegen ihren Widerstand.

Das durch die türkische Eroberung dreigeteilte Ungarn war mehr als anderthalb Jahrhunderte hindurch Schauplatz ständiger Kämpfe und Kriege zwischen Habsburg und dem Sultan, Adeligen, die ihre Partikularinteressen vertraten, Söldnertruppen und Aufständischen, die, auch wo sie als Befreier auftraten, oft wie in Feindesland hausten.

Der magyarische Kernraum an Donau und Theiß, nun zur türkischen Provinz geworden, wurde von der kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung Westeuropas abgeschnitten. Der Sultan zeigte kein Interesse an einer Bekehrung der Ungarn zur Lehre Mohammeds, nicht zuletzt deshalb, weil ihm das nach islamischen Grundsätzen die Möglichkeit genommen hätte, von der Bevölkerung Kopfsteuern einzutreiben. Die osmanische Herrenschicht blieb klein und beschränkte sich vor allem auf das Militär, vielfach begnügte man sich mit der Aufsicht über die Reste der alten ungarischen Verwaltung.

Die Wirtschaft des Landes erfuhr eine Umstellung. Wer von der Bevölkerung nicht geflohen oder verschleppt worden war, verließ die kleinen Dörfer und siedelte sich in den vor marodierenden Truppen sichereren Marktflecken an.

Der Ackerbau ging zurück, an seine Stelle trat eine "Massentierhaltung" in großen Herden, die auf den weiten brach liegenden Flächen, welche sich zur Puszta wandelten, weideten und ohne große Behinderung durch den osmanischen Zoll nach Österreich und weiter in den Westen exportiert werden konnten. Das Handwerks- und Gewerbeleben in den Städten, die zu Garnisonen herabsanken, verfiel. Als bemerkenswertestes Erbe hinterließen die Türken die Bäderkultur, vor allem in der Hauptstadt Budapest.

Im "königlichen Ungarn", wie der den Habsburgern verbliebene Teil des Landes genannt wurde, wurden zunächst große Anstrengungen getroffen, die Grenzen gegen den zu erwartenden Türkenansturm zu befestigen; dafür wurde im Heiligen Römischen Reich sogar eine eigene Steuer eingehoben. In einer dieser Festungen, in Szigetvár, kam es 1566 zu einem heroischen Verteidigungskampf, als der vom Kaiser Maximilian II. (als ungarischer König I.) zum Ban von Kroatien erhobene Graf Niklas Zrinyi (aus einem alten kroatischen Geschlecht) sich den wieder einmal gegen Wien vorrückenden Osmanen entgegenstellte. Nachdem er die Stadt den Angreifern hatte überlassen müssen, verteidigte er mit 800 Mann die Burg einen Monat lang; türkische Angebote der Statthalterschaft lehnte er ab. Aus der durch Minen und Brandpfeile zerstörten Festung stürzte er sich mit seinen Leuten auf die Belagerer, wurde von Kugeln getroffen, gefangen genommen und enthauptet. Als die Türken die Burg besetzten, flogen die Pulverkammern, angeblich von der Gräfin gesprengt, in die Luft. Der Kampf um Sziget kostete den Sultan 20.000 Mann und zwang ihn, den Marsch auf Wien abzubrechen.

Die Reformation - sowohl Luthertum als auch Calvinismus - die in Ungarn rasch Anhänger fand, wurde zu einem Element der Auseinandersetzungen mit den Habsburgern. Der ungarische Adel sah darin ein Mittel zur Bekämpfung der königlichen Macht. Wie im Reich, so war auch in Ungarn der Glaubenskampf ein Machtkampf der Stände gegen die habsburgische Dynastie. Schließlich verzichteten die Habsburger infolge des adeligen Widerstandes, anders als in ihren Erblanden, auf die konsequente Durchführung der Gegenreformation. Das Fürstentum Siebenbürgen wurde zeitweilig in Europa als ein Musterland konfessioneller Toleranz bewundert.

Dieses Siebenbürgen wurde für die habsburgischen Ansprüche auf ganz Ungarn immer wieder zum Problem. Von hier aus machte Johann Zápolya nach der Unglücksschlacht bei Mohács als Gegenkönig dem Kaiser Ferdinand I. seinen Erbanspruch auf die Stephanskrone streitig; erst sein Sohn beschränkte sich nach der Eingliederung Zentral-Ungarns in das Osmanenreich auf das Fürstentum Siebenbürgen. Die Stände wählten dann Stephan Báthory zum Fürsten; er wurde später auch König von Polen. Die Báthory setzten auf Habsburg, um sich der Türken, denen sie tributpflichtig waren, zu erwehren.

Stephans Neffe verzichtete zugunsten Kaiser Rudolfs II. auf den Thron, österreichische Truppen kamen ins Land, doch als versucht wurde, gewaltsam die Gegenreformation durchzusetzen, wandten sich die Siebenbürger von Habsburg ab, wählten Stephan Bocsay zum Fürsten und huldigten dem Großwesir. Die Kaiserlichen mussten Siebenbürgen aufgeben.

Eine relativ ruhige Periode erlebte Siebenbürgen unter Bethlen Gábor, der sich auf die Türken stützte und Künste und Wissenschaften förderte. Die Habsburger waren in dieser Zeit durch den Dreißgjährigen Krieg im Reich gebunden. Das nützte Georg I. Rákóczi, der 1631 zum Fürsten gewählt wurde. Er verbündete sich mit Frankreich und Schweden gegen den Kaiser, dieser musste den Frieden von ihm durch Abtretungen erkaufen. Sein Sohn Georg II. Rákóczi fand 1660 die Unterstützung von Kaiser Leopold I., als die Türken ihren Strohmann Barcsay auf den siebenbürgischen Thron setzen wollten. Die Militäraktion war wenig erfolgreich, und Rákóczi erlag seinen im Kampf empfangenen Wunden.

Neue Festungsbauten hatten einen Angriff der Türken zur Folge. Sie fielen 1663 mit einer starken Armee im habsburgischen Oberungarn ein, eroberten Neuhäusel/Nóve Zámky und bauten es zur Festung aus. Im folgenden Frühjahr war ein neuer Angriff zu erwarten. Die österreichische Heeresmacht war den Türken weit unterlegen. Daher rief Leopold den "Reichskrieg" aus, um zusätzliche Truppenkontingente anzuwerben. Zugleich organisierte Miklós Zrínyi, Urenkel des Helden von Sziget, eine ungarische Landesverteidigung mit dem Fernziel, ein selbständiges Ungarn wiederherzustellen.

Die ungarischen Adelstruppen schlugen den osmanischen Angriff zurück und eroberten türkische Grenzfestungen. Feldmarschall Montecuccoli errang mit dem Reichsheer einen Sieg bei Mogersdorf/St. Gotthard. Doch die Siege wurden nicht genützt; Leopold I., der einen Angriff des französischen König Ludwig XIV. im Westen erwartete, schloss den Frieden von Eisenburg/Vasvár, der den Türken die eroberten Gebietsstreifen zurückgab.

Die Enttäuschung im Adel darüber führte zur so genannten Magnatenverschwörung gegen Leopold. Sie wurde 1670 aufgedeckt, Ihre Anführer, die Grafen Franz Nadasdy und Peter Zrinyi (dessen Bruder Miklós war einem Jagdunfall zum Opfer gefallen), wurden im Wiener alten Rathaus hingerichtet, ihre Güter beschlagnahmt. Ein anderer in die Verschwörung verwickelter Adeliger, Imre Tökoly, flüchtete nach Siebenbürgen und organisierte dort mit Unterstützung des Fürsten Michael Apafi den Aufstand gegen Habsburg. Seine Anhänger, häufig aus dem Volk angeworben, nannten sich Kuruzzen (in Erinnerung an das Kreuz, das die Aufständischen des "Bauernkönigs" Dósza trugen). Tökoly brachte ganz Oberungarn in seine Gewalt, ließ sich von den Türken zum "Fürsten von Ungarn" ernennen und auf dem Landtag von Kaschau/Kassa von den Ständen als König huldigen.

Als das osmanische Heer 1683 zu einem neuen Versuch, Wien zu erobern, anmarschierte, schloss sich Tökoly ihm an. Dann aber zog er - gemäß einem Versprechen, das er dem Polenkönig Johann Sobieski gegeben hatte - nicht bis zu der Kaiserstadt, sondern setzte ans andere Donauufer über. Sein Angriff auf Bratislava und sein Einfall ins Marchfeld wurden zurückgeschlagen. Großwesir Kara Mustafa ließ den Verbündeten gefangen nehmen und in Ketten an den Hof des Sultans bringen. Dieser erwies ihm aber bald Gnade, ernannte ihn 1690 zum Großfürsten von Siebenbürgen und stattete ihn mit Truppen aus, um in seiner Heimat erneut den Kampf gegen die Österreicher aufnehmen zu können. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 14./15./16. 4. 2001)

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