Bernhard und sein idealer Lebenszweck

11. November 2001, 23:07
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Wütendes Bleistiftgekritzel in der Österreichischen Nationalbibliothek: "Thomas Bernhard und seine Lebensmenschen"

Wien - Der Ruhm Thomas Bernhards gründet sich nicht auf die von ihm entworfenen Möbel. Es sind schwerfällige Verschläge aus Brettern, die bloß noch der Bespannung mit Maschendraht bedürften, um als Hasenställe anzugehen. Das klingt respektloser, als es gemeint ist: Wie ein Drittel der (im März 2001, Anm.) aktuellen Bernhard-Gedenkausstellung in der Nationalbibliothek auf Tischen präsentiert wird, die den besagten Möbeln nachgebaut sind, so erhebt sich überhaupt aus dem Milieu karger Provinzialität scheinbar unvermittelt die Bernhardsche Weltliteratur.

Ausstellungen riechen nach Sägespänen und Holzleim, und diese tut es besonders. Zusammengezimmerte Kisten mit Bernhard-Zitaten begrüßen den Besucher schon am Josefsplatz. Im Aurum führt einen dann ein schräg gepölzter Stollen, bemalt in Bernhards Lieblingsdunkelgrün, in das Innere seiner Literatur, bzw. in den germanistischen Bergbau an seinem erstmals präsentierten Nachlass.

Bernhards Lieblingsdunkelgrün ist das Fensterladengrün, das man von Häusern in Schönbrunnergelb kennt. In diese vergangene Welt wurde Bernhard von der großbürgerlichen Hedwig Stavianicek eingeweiht, die 15 Jahre benötigte, um die Briefanrede "Lieber Thomas" herauszubringen. Die Begegnung mit ihr kam 1950 recht. 1949 war Johann Freumbichler gestorben - bis dahin Bernhards "Lebensmensch". Wie Martin Hubers und Manfred Mittermayers Ausstellung zeigt, lieferte dieser eher erfolglos literarisierende Großvater das Urbild zu weit mehr Bernhardschen Weltverächtern, als bisher angenommen.
(elce/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 3. 2001)

"Thomas Bernhard und seine Lebensmenschen.
Der Nachlaß"


Ausstellung im Camineum der Österreichischen Nationalbibliothek
7.3. bis 16.4.

Symposium im Oratorium der ÖNB:
7. bis 9.3.
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