Energische Visionärin mit schneller Zunge

19. Februar 2001, 12:12

Schwedens unkonventionelle Außenministerin Anna Lindh

Wenn Anna Lindh im Ausland unterwegs ist, kann es schon einmal Missverständnisse geben. Dass es sich bei der zierlichen Blondine um Schwedens Außenministerin handelt, verkannte unlängst bei einem Besuch auf den Azoren sogar das Empfangskomitee, das die Politikerin in den JournalistInnenbus dirigieren wollte. Nach diesem Halbjahr dürften solche Zwischenfälle seltener werden. Bislang sind sie für die selbstbewusste 43-Jährige Anlass, eine ihrer berühmten Lachsalven abzufeuern.

Allerdings tat sich selbst im viel gepriesenen Musterland der Gleichberechtigung anfangs so mancher schwer, das "Mädel" als Außenministerin zu akzeptieren. Nach gut zweijähriger Dienstzeit hat sich die Politikerin aber daheim wie im Ausland Respekt verschafft. World Link, die Zeitschrift des "World Economic Forum", lobte sie als "unängstliche Politikerin", eine "Visionärin mit Integrität".

"Außenpolitik kann nicht nur Diplomatie sein. Ich muss klare politische Signale geben können, vor allem, wenn es um die Verletzung von Menschenrechten geht", meint die diplomierte Juristin. Die EU brüskierte Lindh nicht nur einmal mit der Abkehr von gemeinsamen Fronten. So wies sie im Oktober Israel die Hauptschuld für die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten zu, statt diplomatische Ausgewogenheit zu pflegen.

Mit Freimütigkeit und Gerechtigkeitssinn nervte Anna Lindh schon als Teenager so manchen Parteiveteranen. "Wir Frauen dürfen die Politik nicht alten Opas überlassen", beschied sie als 16-jährige Jungsozialistin einem Zeitungsreporter. Mit der ihr eigenen Gründlichkeit und Zielstrebigkeit hat sie seither ihre politische Karriere aufgebaut. Mit 25 wurde sie jüngste schwedische Parlamentsabgeordnete. Sie arbeitete unter anderem als Stockholmer Senatorin für Kultur und Freizeit, von 1994 bis 1998 war sie Umweltministerin. Heute gilt die politisch zwischen Erneuerern und Traditionalisten angesiedelte Politikerin als Kronprinzessin der sozialdemokratischen Partei.

Die beiden Söhne, den zehnjährigen David und den sechsjährigen Filip ärgert freilich seit langem, dass die Zeit ihrer Mama so knapp bemessen ist. Für ihre Kinder hat sich Anna Lindh terminfreie Abende ertrotzt. Bewundernd spricht man von ihrer Effektivität, ihren Gedächtnisleistungen und scheinbar unerschöpflichen Energiereserven. "Anna läuft nicht, sie sprintet", beschreiben Mitarbeiter das typisch Lindhsche Turbo-Tempo, das sie kürzlich auch bei einer siebentägigen Rundreise durch dreizehn EU-Bewerberstaaten unter Beweis stellte.

GesprächspartnerInnen fällt es nicht immer leicht, mit Anna Lindh Schritt zu halten. Zum langsameren Sprechen ermahnte sie einst schon der frühere Ministerpräsident Olof Palme - allerdings ohne nennenswerten Erfolg.

(Anne Rentzsch)

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.02 2001)

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    bild: der standard
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