Vom "starken Mann" zur vierten Teilung

16. Februar 2001, 20:01

Ab 1926 wurde Polen autoritär regiert. Hitlers Aufstieg wurde zur tödlichen Bedrohung für das Land. Sein Pakt mit Stalin, der Polens Teilung einschloss, ermöglichte ihm den Krieg.

Das neue Polen war ein Vielvölkerstaat geworden. 70 Prozent der 27 Millionen Einwohner waren Polen, 14 Prozent Ukrainer, fast acht Prozent Juden, je knapp vier Prozent Deutsche und Weißrussen, ein kleiner Rest Litauer und andere. Die Minderheiten, allen voran die Ukrainer, waren Repressionen ausgesetzt.

Pilsudski war auch kein Freund der Parteien. Die PPS im damals noch russischen Teil Polens hatte sich unter seiner Führung zu einer nationalbetonten Partei entwickelt, der die Wiedergeburt Polens, nicht die Klassenfrage, als vorrangig betrachtete. Für Internationalismus und Revolution trat eine andere illegale Partei ein, die Sozialdemokratie des Königreiches Polen und Litauen unter Rosa Luxemburg und Felix Dzierzynski; sie wurde 1918 zur Kommunistischen Partei Polens.

Zum Staatschef mit diktatorischen Vollmachten geworden, trat Pilsudski als nationaler "Übervater" aus der PPS aus. Er zeigte damit den Parteien, deren Streitigkeiten ihm die Nation zu gefährden schienen, seine Verachtung. Persönlich integer, gefiel er sich in groben Zynismen. So soll er seine Umgebung in "Schweinehunde und Idioten" eingeteilt haben. Nach der Ermordung des Staatspräsidenten durch Rechtsradikale zog er sich 1923 zunächst aus der Politik zurück.

Durch die Benachteiligung der Minderheiten, den wachsenden Antisemitismus und die prekäre Lage des weitgehend agrarisch gebliebenen Staates in schwieriger Lage konnte sich die Demokratie in der zersplitterten Parteienlandschaft nicht durchsetzen. Unter der Losung der Sanierung ("Sanacja") des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft führte Pilsudski 1926 an der Spitze von Armeeoffizieren einen Staatsstreich durch.

Zuerst wurde er von vielen begrüßt, doch die Illusionen verflogen bald. Das Parlament (Sejm) wurde in seinen Rechten beschränkt, die Regierung besetzte der Marschall mit seinen Vertrauenspersonen, häufig aus der Armee. Er glaubte sich bei der Bevölkerung so beliebt, dass er 1928 mit einem "Parteilosen Block der Zusammenarbeit mit der Regierung" zur Wahl antrat. Als er keine Mehrheit erhielt, löste er den Sejm auf und steckte zahlreiche Oppositionspolitiker in ein Anhaltelager in der Festung Brest am Bug.

Pilsudski erkannte die Bedrohung Polens, die durch Hitlers Machtergreifung heranwuchs, aber sein Werben in Paris für einen Präventivkrieg gegen Deutschland stieß auf taube Ohren. So suchte er 1934 eine Absicherung durch einen Nichtangriffspakt mit Berlin. Sein Tod (1935) schwächte die Autorität der "Regierung der Obersten". Sie suchte dies durch immer schärfere antidemokratische Maßnahmen auszugleichen, was sie auch beim Westen entfremdete. Insbesondere die Linke, aber auch die Minderheiten wurden verfolgt, die Rechte setzte antisemitische Gesetze, so einen Numerus clausus für den Universitätsbesuch von Juden, durch. Die Außenpolitik des Regimes schwankte zwischen Anlehnung an Frankreich, Abtasten des mit seinem Antibolschewismus werbenden Hitler und Selbstüberschätzung der eigenen Kraft. Die Obersten gaben sich der Illusion hin, mit Polen als Führungsmacht eines "Dritten Europa" einen starken Block zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufbauen zu können.

Noch schienen Hitler und Stalin Todfeinde, als der polnischen KP, ohnehin ständig den Verfolgungen des Obersten-Regimes ausgesetzt, ein tragisches Schicksal bereitet wurde. Stalin war gegenüber der KPP stets misstrauisch gewesen, zumal sie sich Anfang der Zwanzigerjahre zu Trotzki bekannt hatte und danach der "Linksabweichung" des "Luxemburgismus" geziehen worden war.

Schon 1924 setzte Stalin über die Komintern die Absetzung der polnischen KP-Führung durch. Anfang der Dreißigerjahre ließ er unter dem Vorwand, das Netz einer polnischen Spionageorganisation zu zerschlagen, Tausende Polen aus der Ukraine und Weißrussland nach Sibirien deportieren. Mithilfe des Apparates der Komintern verstand er es, die vorwiegend jüdischen Führer der KPP, die in der Sowjetunion im Exil waren, dort festzuhalten.

Nach den großen Säuberungen von 1937 erfolgte der Schlag gegen die polnische KP: Die Komintern beschloss über Nacht deren Auflösung. Fast das gesamte Zentralkomitee sowie zahlreiche andere polnische Kommunisten in der Sowjetunion wurden liquidiert. Selbst nach den Polen in der Internationalen Brigade in Spanien langte Stalins blutiger Arm. Grausame Ironie der Geschichte: Überlebt haben fast nur jene KP-Führer, die wie Wladyslaw Gomulka in den Gefängnissen der Sanacja-Regierung saßen.

Nach der Angliederung des Sudetenlandes - Polen nützte die Gelegenheit, das Olsa-Gebiet westlich Teschen/Cieszyn zu annektieren - begannen die Drohungen Hitlers gegen Polen. Deutschland verlangte einen souveränen Autobahnkorridor durch polnisches Gebiet als Verbindung zu Ostpreußen sowie die Zustimmung zur Einverleibung der - bereits von Nazis regierten - Freien Stadt Danzig. Polen verschärfte die Repressionen gegen die deutsche Minderheit, die "heim ins Reich" wollte. Als Hitler mit der Einverleibung der "Rest-Tschechei" im März 1939 zu erkennen gab, dass es ihm keineswegs nur um die Vereinigung aller Deutschen ging, gab Großbritannien eine Garantieerklärung für Polen ab.

Die große Frage war nun: Wie würde sich die Sowjetunion im Falle eines Krieges verhalten? Es begannen diplomatische Verhandlungen über ein Verteidigungsabkommen London-Paris-Moskau. Der Westen zögerte; die polnische Regierung fürchtete eine Hilfe Stalins fast so wie einen Angriff Hitlers. Sie war strikt gegen eine Gewährung von Durchmarschrechten für die Sowjets. Im Mai setzte der Kreml ein Signal: Stalin tauschte seinen jüdischen Außenminister Litwinow gegen seinen linientreuen Gefolgsmann Molotow aus, der ein geeigneterer Gesprächspartner für Berlin war. Zum Schock der Kommunisten außerhalb Russlands kam es zu einem Übereinkommen zwischen den beiden Diktatoren. Mit dem Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 war das Schicksal Polens besiegelt.

DDas Geheimprotokoll zu diesem Nichtangriffspakt, das die osteuropäischen Interessenzonen zwischen den bis kurz davor als Erzfeinde auftretenden Diktatoren festlegte, schloss auch eine "vierte Teilung Polens" ein. Hitler konnte nun, ohne einen bedrohlichen Zweifrontenkrieg befürchten zu müssen, in die offene Konfrontation mit Polen gehen; zugleich verlor eine Blockade des Westens an Wirksamkeit, weil Russland zum Lieferanten kriegswichtiger Güter wurde.

Auch wenn die Oberstenregierung die Polens Souveränität zerstörenden Forderungen Berlins erfüllt hätte, wäre dies wohl nur ein Aufschub für die Vernichtung gewesen, die einfach im nationalsozialistischen Programm ("Lebensraum" im Osten) vorgezeichnet war.

Am 1. September 1939 frühmorgens wurde nach einem Geheimdienstmanöver, das einen polnischen Angriff auf den schlesischen Sender Gleiwitz vortäuschte, "zurückgeschossen". Die Wehrmacht überschritt die polnischen Grenzen. Frankreich und Großbritannien erklärten Deutschland den Krieg. Binnen vier Wochen war der Widerstand der sich mutig wehrenden, schlecht gerüsteten polnischen Armee - fallweise griffen ihre lanzenbewehrten Ulanen die vorrückenden Panzer an - gebrochen. Warschau wurde - erster Probelauf für den Luftkrieg gegen Millionenstädte - verheerenden Bombardements ausgesetzt. Die polnische Führung, die vergeblich auf einen Generalangriff der Westmächte am Rhein gehofft hatte, flüchtete nach Rumänien.

Am 17. September begann die Rote Armee mit ihrem Einmarsch in das polnische Staatsgebiet. Auch zwischen sowjetischen Truppen und polnischen Einheiten kam es zu Kämpfen; Stalin frohlockte: "Die deutsch-sowjetische Freundschaft ist damit mit Blut besiegelt." Berlin und Moskau einigten sich zunächst auf eine Demarkationslinie, dann wurde die neue Grenze festgelegt. Sie verlief entlang der Flüsse Narew, Bug und San, entsprach - sieht man vom Gebiet um Bialystok ab, das sowjetisch wurde -, ungefähr der Curzon-Linie.

Das geschlossene polnische Sprachgebiet war damit weitgehend deutsch, das weißrussische und ukrainische sowjetisch, allerdings mit großem polnischen Bevölkerungsanteil (ca. drei Millionen) in den Städten, vor allem Wilna und Lemberg. Nach polnischen Angaben betrug die Zahl der im Kampf gegen die Aggressoren Gefallenen insgesamt 123.000 Mann; fast 700.000 polnische Soldaten gerieten in deutsche, 217.000 in sowjetische Gefangenschaft.

Mit dem unglücklichen Ausgang des Krieges war der Leidensweg Polens keineswegs zu Ende. Im Gegenteil: Der Staat war von der Landkarte verschwunden, das Volk war nun für fünf Jahre brutalster Terrorherrschaft ausgeliefert. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 16./17. 2. 2001).

Literatur: Janusz Piekalkiewicz, Polen-Feldzug.
Bechtermünz-Verlag, Augsburg 1997.
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