Aufbruch nach "Schwarzach St. Veit"

11. November 2001, 22:56
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Schriften aus dem Bernhard-Nachlass erstmals öffentlich gezeigt

Seit zwei Jahren arbeitet Martin Huber den Nachlass Thomas Bernhards auf. Dieser wird ab März in einer großen Ausstellung und mit der Eröffnung des Thomas-Bernhard-Archivs in Gmunden im Herbst endlich auch einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Über diese und weitere Aktivitäten der Nachwelt in Sachen Thomas Bernhard berichtet Cornelia Niedermeier.


Wien - Gerüchte um den Nachlass Thomas Bernhards und sein Schicksal zirkulieren manche. Desto mehr, als bislang kaum jemand das Papier- Konvolut zu Gesicht bekam. Keiner kennt es besser als Martin Huber: Seit knapp zwei Jahren arbeitet er in Gmunden an der wissenschaftlichen Aufarbeitung der unveröffentlichten Schriften des Dichters.

Hubers Arbeit kommt in den nächsten Jahren auch einer interessierten Öffentlichkeit zugute: Bereits im März eröffnet in der Nationalbibliothek in Wien eine groß angelegte Ausstellung, die unter dem Titel Thomas Bernhard und seine Lebensmenschen erstmals den Blick auf zahlreiche Manuskriptseiten aus dem Nachlass freigibt. Handschriftliche Korrekturen Bernhards an seinen Hauptwerken eröffnen erste Einblicke in seine Arbeitsweise. Vielversprechender noch ist die Präsentation einzelner Seiten aus bisher unveröffentlichten Werken.

Die Ausstellung, die anschließend im Stifter-Haus in Linz zu sehen sein wird, und das gleichfalls im März in Wien organisierte Symposium - Wissenschaft als Finsternis. Zu Methoden und Ergebnissen der Thomas-Bernhard-Forschung - bieten einen Vorgeschmack auf die Schätze, die einer ausgewählten Gruppe von Forschern und Interessierten voraussichtlich ab Herbst dieses Jahres in Gmunden zugänglich gemacht werden sollen: Dann nämlich soll das Thomas-Bernhard-Archiv in der frisch adaptierten Gmundner Villa Stonborough- Wittgenstein seine Pforten öffnen. "Für die nächsten sechzig Jahre", so Bernhards Bruder Peter Fabjan, werden die Nachlässe von Thomas Bernhard und seinem Großvater Johannes Freumbichler im Gmundner Archiv verbleiben, dann sollen sie nach Wien, in die Bestände der Nationalbibliothek, übergehen.

Erstmals wird in Gmunden beispielsweise der unveröffentlichte Roman Schwarzach St.Veit einzusehen sein - und nicht, wie in Format kürzlich geschrieben, der Roman Neufundland. Bei Neufundland, so Huber, handelt es sich um ein im Frühstadium befindliches Projekt, von dem außer dem ersten und dem letzten Satz nur wenige Manuskriptseiten vorliegen.

Schwarzach St. Veit ist eines der frühesten Prosawerke Bernhards, entstanden zwischen 1957 und 1960, also noch vor Veröffentlichung seines ersten großen Romans Frost 1963. Schon von der Situierung des Romangeschehens her weist sich Schwarzach St. Veit laut Huber als Vorarbeit zu Frost aus: Angesiedelt sei die Handlung in der Lungenheilanstalt Grafenhof.

Der Roman und andere unveröffentlichte Prosafragmente der Frühzeit erweise, wie "intensiv sich Bernhard an der Prosa abgearbeitet habe", bevor sie seinen ästhetischen Ansprüchen genügte und er damit an die Öffentlichkeit ging, so Martin Huber. Sein langjähriger Lektor im Suhrkamp-Verlag, Raimund Fellinger, weist darauf hin, dass Bernhard noch kurz vor seinem Tod ein anderes Prosawerk aus dieser Frühzeit (In der Höhe. Rettungsversuch. Unsinn.) zur Veröffentlichung freigegeben, andere Schriften von der Publikation jedoch dezidiert ausgeschlossen habe. Oft habe Bernhard seine persönliche Kritik eines Werks selbst auf die Titelseite des Manuskripts niedergeschrieben.

Eine Publikation des Nachlasses ist also in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Doch auch in editorischer Hinsicht wird Martin Hubers Aufarbeitung Früchte tragen. Gemeinsam mit dem Suhrkamp-Verlag plant die Bernhard-Stiftung die Herausgabe einer ca. 25 Bände umfassenden "Lese- Ausgabe" des Werkes, in der "alles, was zu Thomas Bernhards Lebzeiten gedruckt wurde" enthalten sein soll, neben den bisher erschienenen Büchern also auch in Zeitschriften erschienene Aufsätze etc., begleitet von erläuternden Kommentaren der Herausgeber. Erscheinen wird diese Werkausgabe vielleicht im Jahr 2002.

Und eine weitere Bernhard- Premiere ist - noch unter Fragezeichen - anzukündigen: sein unveröffentlichtes Drama Die Schwerhörigen, entstanden 1987, das seine Protagonisten in der Praxis eines Döblinger Hals-Nasen-Ohren- Spezialisten versammelt, wird möglicherweise im Rahmen des Symposiums erstmals zu einer Lesung gelangen. So viel ist sicher: Aus Gmunden viel Neues.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 1. 2001)

LINKEMPFEHLUNG:

thomasbernhard.de
Sehr gut strukturiertes und informatives Portal mit umfangreicher Linkliste

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