Rudolf Streicher: Ein Multimanager gibt den Taktstock ab

22. Jänner 2001, 16:40
Wien - Rudolf Streicher, der per 31. Jänner 2001 "einvernehmlich, aber nicht freiwillig" seinen ÖIAG-Chefsessel räumt, ist in den vergangenen 20 Jahren wie kaum ein anderer zwischen wirtschaftlichen Führungspositionen und Spitzenpolitik hin- und her gependelt - als Manager in der Verstaatlichten, Verkehrsminister und Bundespräsidentschaftskandidat sowie zuletzt als "Generaldirektor der Generaldirektoren" in der Staats-Holding in der Kantgasse. Seinen politischen Gegnern galt er schon immer als Symbol für den politischen Einfluss der SPÖ auf die Verstaatliche - so manchem Gewerkschafter wiederum überbrachte er die Botschaft, dass sich auch staatsnahe Unternehmen wirtschaftlichen Gesetzen nicht entziehen können.

Kaum ein Jahr, nachdem der Quereinsteiger 1986 als mächtiger Minister für Verkehr und öffentliche Wirtschaft in die Regierung Vranitzky I geholt wurde, kam es 1987 zum berühmten Tritt gegen das ministerliche Schienbein in Ranshofen, als Streicher vor protestierenden Arbeitern das Ende der Elektrolyse in der AMAG verkündete - jenem Unternehmen, an dessen Spitze er zuvor 12 Jahre lang gestanden war.

Streicher wurde 1939 in Wallsee an der Donau (NÖ) geboren und ist gelernter Werkzeugmacher. 1969 schloß er ein Studium an der Montanuniversität Leoben ab, wo er seit 1988 auch Honorarprofessor ist. Schon 1970, im Jahr nach seinem Studienabschluß an der Montanuniversität Leoben, begann Streicher eine Verstaatlichtenlaufbahn bei der ÖIAG, als Abteilungsleiter für Forschung und Entwicklung, wo er später auch mit der Stahlfusion und der Buntmetallfusion befaßt war. 1974 übernahm er den Vorstandsvorsitz bei der damaligen Ranshofen-Berndorf AG, der nachmaligen AMAG, von wo er 1986 erstmals als Kurzzeit-Generaldirektor zu Steyr-Daimler-Puch wechselte.

"Macher"

Im selben Jahr holte ihn die SPÖ-Kanzlerhoffnung Vranitzky als Nachfolger von Ferdinand Lacina, der Finanzminister wurde, in sein Regierungsorchester. Dort konnte sich Sreicher sich in zahlreichen öffentlichen Kraftproben bald einen Nimbus als "Macher" schaffen - ob nun bei der Umsetzung der Verstaatlichtenreform gegen die eigene Parteibasis handelte oder um den Dauerzwist um den Transitverkehr, in dem sich Streicher gegen ein Geflecht von Bürgerinitiativen, Landesinteressen, Frächtern oder der mächtigen EG-Lobby zu behaupten hatte. 1992 kam dann das Aus für die politische Karriere. Streicher verließ die Regierung, um als Kandidat der SPÖ in die Präsidentenwahl zu ziehen. Im ersten Wahlgang lag er erwartungsgemäß vor dem ÖVP-Kandidaten Klestil, in der Stichwahl einen Monat später lag Streicher dann aber deutlich hinter dem Karriere-Diplomaten.

Managerlaufbahn

Die zweite Managerlaufbahn in der Industrie wurde Rudolf Streicher nach dem überraschenden Tod von Steyr-Generaldirektor Otto Voisard eröffnet, als ihm im Herbst 1992 das Lenkrad des zur CA-Gruppe gehörenden Konzerns übertragen wurde. Der Neueinstieg bei Steyr-Daimler-Puch stand unter keinem guten Stern. Der Mischkonzern war mit der Schwäche des internationalen Automobilgeschäfts Anfang der 90er-Jahre schwer unter die Räder gekommen, und seine Aktionäre mußten in mehreren Verlustjahren hintereinander auf eine Dividende verzichten.

1995 schaffte Streicher mit dem Steyr-Konzern eine bemerkenswerte Trendwende, wozu die Cash-cow Steyr Fahrzeugtechnik in Graz wesentlich beitrug. Diese auf Allradtechnik spezialisierte Technologieschmiede sicherte Streicher mit einem Fertigungsvertrag für den Grand Jeep-Cherokee langfristig ab und schuf damit mehr als tausend zusätzliche Arbeitsplätze. Als dann 1998 mit dem Magna-Konzern des Austrokanadiers Frank Stronach endgültig ein neuer Eigentümer für den Steyr-Konzern gefunden war, sah Streicher bei Steyr für sich keine Aufgabe mehr und löste sein Vorstandsmandat einvernehmlich vorzeitig auf.

ÖIAG-Spitze

Im Jahr darauf wurde Rudolf Streicher - zusammen mit dem "schwarzen" ehemaligen Wirtschaftsminister Johannes Ditz - in den ÖIAG-Vorstand bestellt - sehr zum Ärger der damals oppositionellen Freiheitlichen, die in der neuen ÖIAG-Doppelspitze eine klassische rot-schwarze Proporzbesetzung witterten. Für Beobachter war es daher wenig verwunderlich, dass ein Magazin nur wenige Tage nach der Angelobung der schwarzblauen Wenderegierung im Februar 2000 Streicher bereits abgehen sah - für den neuen Finanzminister Karl-Heinz Grasser eine "Missinterpretation".

Das neue ÖIAG-Vorstandsduo, das sich von Anfang an - freilich mit unterschiedlichem Nachdruck zum Staat als "Kernaktionär" bekannte - begann bereits 1999 mit den Vorarbeiten für den größten Börsegang in der österreichischen Geschichte, jenen der Telekom Austria, der schließlich im vergangenen November 2000 erfolgte. Nach Antritt der neuen ÖVP-FPÖ-Regierung musste die Privatisierung der diversen ÖIAG-Beteiligungen zusätzlich an Tempo gewinnen - so erhielt die P.S.K schneller als geplant im vergangenen August mit der Bawag einen privaten Eigentümer, auch bei der Partnersuche für die Austria Tabak (AT) wurde ein Zahn zugelegt. Kritik erntete Streicher, der Aufsichtsratschef sowohl der AUA als auch der Lauda Air war, für diese Doppelfunktion und sein Krisenmanagement bei den Auseinandersetzungen den AUA-Chefs und Niki Lauda. Seit diesem Zeitpunkt verschwanden die Spekulationen über die Ablöse Streichers nicht mehr aus den Medien.

Nach divergierenden Auffassungen über die weitere ÖIAG-Strategie wurde am Montag die einvernehmliche vorzeitige Auflösung des Vorstandsvertrags per 31. Jänner 2001 bekannt gegeben. Der Öffentlichkeit ist Streicher, privat ein passionierter Sammler "edler Tropfen", auch für sein Hobby als Dirigent bekannt. Seine Leidenschaft führte ihn bereits ans Dirigentenpult der Wiener Philharmoniker. Der 62-Jährige ist verheiratet und Vater einer Tochter. (APA)

Share if you care.