Polens Krone - eine Taufe wert

19. Jänner 2001, 22:13

Mit der Erheiratung des polnischen Throns durch den litauischen Großfürsten Jagiello wurde das so gebildete Staatswesen ein Großreich. Die Macht der Deutschritter wurde gebrochen, Polen wandte sich dem Osten zu.

Die Personalunion mit Ungarn war von kurzer Dauer, weil auch Ludwig ohne Söhne geblieben war. Seine ältere Tochter heiratete den späteren Kaiser aus dem Hause Luxemburg, Sigmund, seine jüngere Jadwiga (Hedwig) wurde mit dem Großfürsten von Litauen, Jagiello, vermählt. Die Litauer waren damals noch Heiden, die Taufe Jagiellos, der sich fortan Wladyslaw II. nannte, war Bedingung für seine Krönung zum polnischen König. Die beiden sonst so unterschiedlichen Optionen der polnischen Politik - Ausdehnung nach Osten und Rückgewinnung im Westen - fanden sich durch Jagiello vereint. Denn Litauen war damals ein großes Reich, das sich über Weißrussland und die Ukraine bis zum Schwarzen Meer erstreckte. Andererseits lagen die Litauer in einem permanenten Abwehrkampf gegen die Versuche des Deutschen Ordens, sich unter dem Vorwand eines Kreuzzugs auch ihr Stammgebiet einzuverleiben.

Die Spannungen zwischen dem Ordensstaat und Polen stiegen. Der Verlust von Pommerellen, von Danzig und Thorn/Torun (die Stadtbürger dort wollten der strengen Ordensherrschaft ohnedies entkommen) schmerzte noch immer. Hochmeister Ulrich von Jungingen rüstete im Vertrauen auf die Kampferprobtheit und technische Überlegenheit seiner Armee zum entscheidenden Waffengang.

Aber auch Jagiello brannte auf eine Abrechnung mit den Kreuzrittern. Am 15. Juli 1410 kam es bei Grunwald/Tannenberg zur großen Schlacht. Sie endete mit einer vernichtenden Niederlage des Ordens. Da es in der Folge den Polen und Litauern nicht gelang, auch die Marienburg zu erobern, blieben die Grenzen der beiden Staaten vorerst unverändert. Doch die Macht des Ordensstaates, der bis dahin stärksten Militärmacht in Osteuropa, war, wie die folgenden Jahrzehnte zeigen sollten, gebrochen. Für Polen aber begann unter der Herrschaft der Jagiellonen sein "Goldenes Zeitalter".

Die Befreiung von dem Druck durch den Deutschordensstaat in der Entscheidungsschlacht bei Grunwald/Tannenberg in den Masuren gab dem unter der Dynastie der Jagiellonen vereinten Polen-Litauen eine Machtstellung im östlichen Europa. Die Sogkraft des wirtschaftlich und kulturell aufstrebenden Königreichs ließ die überwiegend deutschen Stände des Ordenslandes - Adel wie Bürger - einen Bruch mit den strengen Deutschherren anstreben. Sie gründeten 1440 im Widerstand gegen die Ordensherrschaft einen "Preußischen Bund", der bei Polen Rückhalt fand.

Der Aufstand der Untertanen und kriegerische Eingriffe Polens endeten schließlich 1466 mit dem Frieden von Torun/Thorn, in dem der Ordensstaat Pommerellen, das Kulmer Land und das Ermland (Warmia) mit Gdansk/Danzig abtreten musste. Sogar die Marienburg ging verloren: Wie ausgelaugt das Ordensregiment schon war, hatte sich daran gezeigt, dass der Hochmeister seine Residenz an seine Söldner abtreten musste, weil er sie nicht mehr bezahlen konnte, und diese verkauften Burg und Stadt den Polen. Für den verbliebenen Rest seines Landes mit Königsberg als neuem Zentrum musste er die Oberhoheit des polnischen Königs anerkennen. Es war also keineswegs eine Auseinandersetzung zwischen zwei Völkern, die zu dieser Machterweiterung Polens führte, sondern der Ordensstaat, in seiner Struktur und Organisation ein Fremdkörper in der vom Adel bestimmten Umwelt, hatte sich selbst bei seinen Bewohnern überlebt. Die Deutschen in den von Polen zurück- oder neugewonnenen Gebieten bildeten ein wichtiges Element in der Entwicklung des Königreichs im 15. und 16. Jahrhundert.

Der in den jüngstvergangenen Jahrzehnten wogende Streit über die Nationalität etwa eines Kopernikus wäre zu dessen Lebzeiten kaum verstanden worden. Der Name Nikolaus Kopernikus (1473-1543) darf an der Spitze jener genannt werden, die durch ihre Werke die kulturelle Blüte von Polens "Goldenem Zeitalter" verkörpern. Mit seinem Hauptwerk "De revolutionibus orbium coelestium" revolutionierte der Domherr in Frauenburg/Frombork in dem von Polen gewonnenen Ermland in der Tat das mittelalterliche Weltbild - obwohl das Wort "revolutionibus" hier nur harmlos die Umläufe der Himmelskörper meint. "Er hielt die Sonne an und setzte die Erde in Bewegung" - mit der Erkenntnis des heliozentrischen Systems, von der Papstkirche, aber auch von Luther als anstößig empfunden, brach sich eine umwälzende wissenschaftliche Erkenntnis Bahn.

Gefördert durch die Erfindung des Buchdrucks, erlebte auch die Literatur in polnischer Sprache ihre erste Hochblüte. Dazu kam, dass die Reformation, der sich zunächst viele Adelige anschlossen, die Volkssprache zu Ehren brachte und das gelehrte Latein abzulösen begann. Mit dem "Leben eines ehrbaren Mannes" hielt der protestantische Landedelmann Mikolaj Rej fest, mit welcher Originalität die Muttersprache zugleich beschreiben und belehren konnte, und ihm folgte Jan Kochanowski mit dem ersten lyrischen Meisterwerk der polnischen Literatur, den "Klageliedern" auf den Tod seiner Tochter, in denen individuelle Erschütterung in die Sphäre des Humanismus gehoben wird.

Eine schon im Mittelalter in Polen geübte Glaubenstoleranz war es auch, die der Reformation zunächst Auftrieb gab, wobei die Eifersüchteleien und Streitigkeiten zwischen deren verschiedenen Richtungen vermieden wurden. Auch die russisch-orthodoxen Untertanen, die das Land durch die Vereinigung mit Litauen gewonnen hatten (die Litauer selbst waren Katholiken geworden), wurden in ihrer Religionsausübung nicht behindert.

Und die Juden, die in großer Zahl in Polen vor den mittelalterlichen Verfolgungen in Deutschland Schutz gefunden hatten, blieben unbehelligt. Kasimir der Große und andere Könige hatten ihnen Freibriefe ausgestellt, sodass sie ihre von der Religion bestimmte Kultur und ihr altertümliches, mit hebräischen Wörtern angereichertes Deutsch, das Jiddische, pflegen konnten. Fast in jedem Dorf, in jedem "Schtetl" wohnten Juden, als Handwerker, Kaufleute, Wirte, aber auch als Verwalter der Gutsherrn waren sie ein bereicherndes Element, wahrten aber zugleich ihre Eigenart. Polen war in dieser Hinsicht wohl der toleranteste Staat Europas. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21. 1. 2001).

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