Die Zarin aller Serben vor Gericht

11. Jänner 2001, 20:08

Biljana Plavsic, Expräsidentin der bosnischen Serben

"Ethnische Säuberung ist in einem Bürgerkrieg eine völlig normale Erscheinung", erklärte Biljana Plavsic, als der Krieg in Bosnien tobte. Sie ging mit Vorliebe in die Schützengräben serbischer Soldaten, munterte die "Helden, die für das Serbentum kämpfen", auf. Nach der ersten großen Vertreibung der Muslime im Frühjahr 1992 herzte und küsste die "eiserne Lady" den berüchtigten Freischärlerkommandanten Zeliko Raznatovic, genannt Arkan, der mit seinen paramilitärischen Einheiten den offiziellen Truppen der bosnischen Serben zu Hilfe geeilt war.

Bis 1990 interessierte sich die 1930 im bosnischen Dorf Visoko geborene ehemalige Dekanin der naturwissenschaftlichen Fakultät Sarajewo überhaupt nicht für Politik. Sie promovierte in Biologie in Zagreb und setzte ihre wissenschaftliche Tätigkeit mit einem Stipendium der Fulbright Foundation in den USA fort. Dann folgte sie aber dem Ruf des Psychiaters und Hobbydichters Radovan Karadzic, der die Serbische Demokratische Partei gründete.

Sie wurde unter ihm Vizepräsidentin der Republika Srpska (RS) und etablierte sich neben General Ratko Mladic und Momcilo Krajisnik, der sich schon im Gefängnis des Haager Kriegsverbrechertribunals befindet, als unerbittliche Nationalistin im militanten Kern der bosnischen Serben. Ein Meisterstück für eine Frau in der patriarchalischen Gesellschaft des Balkan.

Geschieden und ohne Kinder, machte sich die "Zarin aller Serben", so ihr Spitzname, die Unabhängigkeit der bosnischen Serbenrepublik zum Lebensziel. In ihrer Härte übertraf sie oft ihre männlichen Gefährten. Als Karadzic dem Druck des Westens und Belgrads weichen musste, wurde sie Staatschefin der RS. Als Serbiens Präsident Slobodan Milosevic nach Bosnien kam, um die Führung der bosnischen Serben aufzufordern, den Krieg zu beenden, verweigerte Plavsic ihm den Handschlag: Der Kampf war für sie noch nicht beendet, es galt noch das Territorium der geliebten RS zu erweitern.

1996 kam es plötzlich zur Wende. Plavsic sah ein, dass der Kampf der Serben gegen die ganze Welt aussichtslos sei. Sie wurde kooperativ, verpflichtete sich, alle internationalen Abkommen über Bosnien anzuerkennen, widersetzte sich Karadzic und wurde ein Liebling des Westens, auf den man bauen konnte. Sie stellte sich an die Spitze der moderaten Kräfte in Banja Luka gegen die Hardliner in Pale.

"Wenn 20.000 Männer ihr Leben für die Republik der bosnischen Serben geopfert haben, so ist mein Leben nichts Besonderes", erklärte Plavsic letztes Jahr. Sie würde jedem Ruf nach Den Haag folgen, versprach sie und hielt ihr Versprechen. Sie sei unschuldig, und das Tribunal sei der einzige Ort, an dem sie ihre Unschuld beweisen könne.

(Andrej Ivanji - DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 12.1.2001)

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