Die Kantinenverächterin Louisa Stroux

2. Jänner 2001, 20:28

Eine Jungschauspielerin mit Wiener Wurzeln macht Karriere

Sie stammt aus einer prominenten Theaterfamilie und begreift ihre Bühnenarbeit in Bonn und anderswo als Dienst an einer heiligen Sache: Die Schauspielerin Louisa Stroux beginnt, berühmt zu werden. Ein Porträt von Standard-Mitarbeiter Rolf C. Hemke.


Bonn - "Louisa Stroux nimmt das Theater sehr ernst, geradezu existenziell", sagt Regisseur Harald Clemen über die junge Darstellerin, die in seinen letzten Bonner Inszenierungen zur Hoffnungsträgerin gereift ist. "Ich glaube nicht, dass man sich in Rollen reinschludern kann", formuliert Stroux ihre Einstellung, die sie nach drei TV-Gastrollen dem Medium gegenüber kopfscheu gemacht hat.

Magersüchtig, tablettensüchtig oder selbstmordgefährdet habe sie als "Opfer" ausschauen müssen, erzählt die ätherische Schönheit; nach Leistung habe niemand gefragt. Abgesehen von ihr selbst. Am Theater dagegen kann sie sich die zwei Stunden Vorbereitungszeit vor der Aufführung nehmen.

Die Kunst der Louisa Stroux umschreibt Clemen, der ihr Schauspiellehrer am Salzburger Mozarteum war, wie folgt: "Es wurde bereits früh deutlich, dass sie in ihren Rollen sehr viel von dieser Gemengelage einer Figur zwischen Gefährdung und Gefährlichkeit ausdrücken kann. Sie hat das Innenleben ihrer Figur im Auge und deckt dieses dann biografisch genau ab."

Nachdem sie in Zadeks Festwochen-Richard III. als Königssohn Edward debütiert hatte, erarbeitete sie mit Clemen vor drei Jahren am Schauspiel Bonn ihre erste große Rolle, die Hedwig in Ibsens Wildente. Danach spielte sie das Gretchen im Weimarer Kulturhauptstadt-Faust. Mit Strindbergs Fräulein Julie am Dortmunder Theater hingegen sei sie klar überfordert gewesen: "Ich hätte die Aufführung an mich reißen, den Rhythmus bestimmen müssen."

Gelungen ist ihr das in ihrer nächsten Bonner Produktion, nachdem sie Ensemblemitglied geworden war. Ihre Leistung als Molly in Jane Bowles Im Gartenhaus sieht Regisseur Clemen als kontinuierliche Weiterentwicklung an. Für diese Rolle wurde die 24-Jährige von den NRW-Kritikern zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres gewählt, in der Theater heute-Umfrage musste sie sich den Titel mit zwei Kolleginnen teilen. Innerhalb weniger Jahre ist sie nach Jacqueline Macaulay und Johanna Wokalek bereits die dritte Bonner Preisträgerin.

"Nur in meiner Familie reißt so eine Auszeichnung niemanden vom Hocker", lacht sie. Diese Theatergewöhnung sei andererseits auch der Vorteil, wenn man aus einer großen Bühnenfamilie stammt. Sie habe immer schon gewusst, was für ein monströser Ort die Kantine sei. Louisa ist die Enkelin des Regisseurs Karl-Heinz Stroux, der von 1955 - 1972 die Düsseldorfer Generalintendanz innehatte und dort mehrere Ionescos uraufführte. "Großvater war ein wahnsinniger Geschichtenerzähler", sagt sie.

Ihre Mutter Judith Reyn, Zimbabwerin niederländisch-französischer Herkunft, war Solotänzerin im Stuttgarter Ballett unter Cranko und ist heute Tanzlehrerin an der Wiener Staatsoper. Ihr Vater, Thomas Stroux, war lange Jahre Schauspieler am Burgtheater. Dementsprechend ist sie in Wien zweisprachig aufgewachsen. Der Tod des Großvaters und die Scheidung ihrer Eltern fiel in die Zeit, in der sie erstmals auf der Burg-Bühne stand, als Louison in Molières Eingebildetem Kranken.

Nicht Österreich sei ihre Heimat, sondern Wien, sagt sie. Den Sarkasmus der Wiener teilt sie, auch wenn sie das "Kaputte" der Stadt abstößt. Bei entsprechenden Attributen ihrer Figuren kann der Lack ihres Hochdeutschen schnell ab sein: Umgarnt sie auf der Bühne schnurrend die Männer, erfolgt die Abfuhr wienerisch gefärbt.

Wienerische Vokabeln benutzt sie selten: Als "Spompernadeln" bezeichnet sie Überflüssiges auf dem Theater. Zadek sei in seiner Unbedingtheit und Schlichtheit viel radikaler als so mancher Jungregisseur. Sagt Stroux.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 1. 2001)

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