Wir, bitte, sind keine Russinnen

6. August 2003, 14:07
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Mongolen gibt es nicht mehr allzuviele, und mit dem "authentischen" Steppenleben ist das so eine Sache. Aber wunderbar weit und grün ist die innere Mongolei, nur wenige Flugstunden weg von Beijing.

Ruskij Restoran" - russisches Restaurant - nennt sich das Hotel. In großen kyrillischen Buchstaben prangt der Name über dem Eingang. Uns auf russisch anzureden ist offenkundig selbstverständlich für die Rezeptionistin. Und es würde uns weniger überraschen, wären wir besser informiert über die Gegend, in die wir uns da begeben haben. Doch das sind wir nicht. Und so bleibt fürs erste nur die Verwunderung, gefolgt von unserer Bitte an die han-chinesische Rezeptionistin, doch alles weitere auf chinesisch mit uns abzuhandeln. Schließlich sind wir ja aus Audili, Österreich. Womit es an der freundlichen Dame ist, nun ihrerseits Verwunderung kundzutun.

Österreich? Von da hat sich aber ihrer Erinnerung nach noch keiner hierher verirrt. Aus Österreich? Diese erstaunte Frage wird sich noch vielfach wiederholen in den Tagen, die wir hier verbringen - und wo genau das ist, überprüfen wir, sobald wir mit einem Lift voller RussInnen in unsere Etage und aufs Zimmer gelangt sind. Hier, das ist zunächst der Ort Manzhouli, gelegen in der Inneren Mongolei an der Grenze zur Mongolei und - zu Rußland.

Letzteres hatten wir beim spontanen Reisebeschluß während eines Abendessens in Beijing übersehen. Da war ausschlaggebend, daß das Gebiet um Manzhouli kaum touristisch erschlossen ist. Briten, zwei allein zu zweit Reisende wie wir, hat er jüngst einmal getroffen, wird uns ein Schafhirte später erzählen. Ansonsten aber gibt es üblicherweise nur Angehörige dreier Nationalitäten hier - Chinesen, Mongolen und eben Russen.

Internationaler ist es zweifelsohne in der Gegend um Hohhot und Dongsheng, dort, wo auch das Mausoleum für Dschingis Khan steht und ein eigenes Museum sich den Belangen der Mongolen widmet, von denen man in der Inneren Mongolei nicht mehr allzuviele antrifft. Gerade 15 Prozent sollen sie noch ausmachen, der Rest sind, abgesehen von ein paar Angehörigen diverser Minderheiten, Han-Chinesen.

Was im Reiseführer so zu lesen stand über Hohhot und Umgebung, vornehmlich die Möglichkeiten zu "authentischem" Erleben "echt" mongolischen Daseins inmitten von Grassteppe, Jurten und Schafherden klang freilich schon reichlich dubios. Was an einem Tourismusstand zur Region um Hohhot am Beijinger Hauptbahnhof im Angebot war, gemahnte definitiv an chinesisches Disneyland.

Also nicht Hohhot, lieber Manzhouli, was so viel heißt wie per Flug (Ticket in Beijing leicht buch- und mit Kreditkarte zahlbar) ins sozialistisch-industrielle Hailar und von dort weiter per Bahn. Die Tickets erhalten wir problemlos knapp vor der Abfahrt des Zuges, und dann geht es dahin durch die Landschaft. Drei Stunden lang, abgesehen von wenigen Orten, nur Grasland, so weit das Auge reicht, Grün und wieder Grün bis zum blauen Horizont, viele Schafherden, gelegentlich ein paar Kamele, kleine Seen und hie und da auch eine Jurte.

Wir lassen das Grün mit den weißen Flecken wie einen Film an uns vorbeiziehen, während die umsitzenden Mitreisenden - wie schon zuvor am Bahnhof - ihren Blick ungeniert auf uns ruhen lassen. Langnasen dürften hier nicht viele vorbeikommen, außer auf der Durchfahrt in der Transsibirischen, auch von Russen oder sonstigen Ausländern ist keine Spur.

Und dann Manzhouli. Nähere Infos gibt es keine im Reiseführer, also verlassen wir uns auf die Taxifahrerin, die uns prompt vor dem Freundschaftshotel absetzt. Zu teuer, befinden wir, und die Herbergssuche führt uns ins Ruskij Restoran und dort, nach dem Einchecken, bald ins Restaurant im Restoran.

Die Speisekarte, zweisprachig auf russisch und chinesisch, wird prompt gebracht von einer - nein, sie ist keine Russin, gebürtige Ukrainerin ist sie und hier im Haus seit Jahren als chinesisch-russisch-Übersetzerin tätig, erzählt die Frau. Ihre Eltern, schildert sie dann, gehörten der "falschen" Klasse an, also flohen sie vor den Kommunisten ins damals noch nicht kommunistische China. Als Vater und Mutter binnen weniger Jahre starben, nahm eine chinesische Familie die damals siebenjährige auf. So ist sie, auch wenn äußerlich alles, inklusive Kleidung, ihre Herkunft verrät, Chinesin geworden.

Die vielen RussInnen, erzählt sie, kommen hierher zum Essen und Einkaufen, weil es so viel mehr gibt (inklusive T-Shirts mit dem Konterfei von Leonardo die Caprio) und so viel günstiger als bei ihnen zuhause. Ein Spaziergang durch die mit ihren Holzhäusern russisch anmutende Stadt bezeugt, daß alle Geschäfte und Märkte auf russische Kundschaft ausgerichtet sind, die noch aus einem dritten Grund kommt - zum Baden im Dalai-See.

Per Taxi geht es zum See, die Unterkunft vor Ort ergibt sich von selbst: die einzig vorhandene Herberge mit der Atmosphäre eines alten Kurhotels, den größten Spucknäpfen, die wir je gesehen haben - und einem strikten Tagesablauf. Als wir um acht Uhr Abendessen begehren, stoßen wir auf ungläubige Blicke. Abendessen war um halb sechs, werden wir belehrt und auch, daß Frühstück um halb acht ist.

Aber vielleicht sind die Worte nicht nachdrücklich genug gewesen. Denn tags darauf treffen wir erst fünf nach acht ein, und da ist das Frühstück (halb acht, hat es geheißen) vorbei, im Frühstücksraum wird getagt. Diesmal aber erbarmt sich eine Kellnerin. Fünfzehn Minuten später werden wir in ein Separée gebeten, zum Separatfrühstück mit Reisbrei, getrocknetem Fisch, würzigem Gemüse und riesigen Teigtaschen. Was nicht in den Magen geht, kommt ins Jausenpaket, für die Wanderung hinein in die mongolische Weite. Da ist es wieder Grün vom blauen See weg bis zum blauen Horizont, da treffen wir auf Hirten mit hunderten Schafen, ein paar Kamele und Pferde, einige Jurten samt Bewohnern. Vom See geht es zurück nach Manzhouli und Hailar. Wie wär's mit einem Souvenir? Im hintersten Winkel des größten Kaufhauses gibt es eine ganze Stange von Mao-Jacken. Gebraucht, und mehr noch. Als wir auf eine greifen, kommt uns ein Schwarm Motten entgegen. Die offenbar mottenfreie Jacke, die wir nehmen, reist vorsichtshalber im luftdichten Plastiksack mit nach Beijing - dafür in einem Flieger, der uns mit Songs der Spice Girls willkommen heißt. (Brigitte Voykowitsch, DER STANDARD 7. / 8. November 1998)

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