Im Reich des Doktor M

19. Juli 2005, 11:32
posten

Eine Rundreise durch die kulturelle, kulinarische, landschaftliche Vielfalt der südlich von Thailand gelegenen Halbinsel.

Eine halbe Tagesreise von der Hauptstadt Kuala Lumpur, deren Trubel sich das ganze Jahr über in schwüler Hitze entfaltet, findet der Besucher Malaysias in würziger Höhenluft Erfrischung: Cameron Highlands heißt die von den früheren britischen Kolonialherren auf 1400 Metern über dem Meer angelegte "Hill Station", wo ewiger Frühling herrscht. Hinter Fachwerkhäusern im englischen Stil sind Erdbeer- und Gemüsefelder angelegt, auf den Hügeln breiten sich leuchtend grüne Teeplantagen aus.

Gleich zu Beginn der Rundreise entpuppt sich das asiatische Land auf der Halbinsel südlich von Thailand als eine Region von erfreulicher Vielfalt und schroffen Gegensätzen. (Die beiden im Norden der Insel Borneo gelegenen Provinzen Sarawak und Sabah sind dann nochmals eine andere Welt.)

Die Millionenstadt Kuala Lumpur versuchte bis vor kurzem mit dem Bau der höchsten Bürotürme der Welt, des modernsten Großflughafens und einer futuristischen Einschienenbahn zwischen Basaren, Moscheen und Luxus-Hotels, den erreichten Fortschritt protzig zu demonstrieren; jetzt leidet sie mit Baustopp und wachsender Arbeitslosigkeit besonders unter der Wirtschaftskrise Asiens.

Sechzig Prozent des Landes sind noch von tropischem Regenwald bedeckt, mit Tausenden, längst noch nicht komplett erforschten Pflanzenarten und einer Fauna, die Tiger und Elefanten einschließt. In abgelegenen Siedlungen, die nur per Boot auf einem Dschungelfluß erreichbar sind, demonstrieren Ureinwohner, die Orang Asli, für einen Sack Reis, wie treffsicher sie mit Pfeil und Blasrohr umgehen können.

Drei Kulturen in einem Land

Obwohl die Landeswährung Ringgit seit Juli 1997 gegenüber dem US-Dollar 40 Prozent an Wert verloren hat, kam auch der Tourismus ins Stocken, seit im benachbarten Indonesien Unruhen ausgebrochen sind. Umso herzlicher werden die doch noch eintreffenden Ausländer begrüßt. Ihnen wird versichert, daß sie in Malaysia nichts zu befürchten hätten, obwohl auch hier Angehörige verschiedener Rassen und Religionen ein in der Vergangenheit nicht immer friedliches Zusammenleben versuchen. Mehr als die Hälfte der zwanzig Millionen Einwohner sind muslimische Malayen; geschäftstüchtige, buddhistische Chinesen machen ein Viertel aus. Sieben Prozent stammen von hinduistischen Indern ab, die von den Briten ins Land geholt wurden, um auf den ausgedehnten Gummi- und Ölpalmen-Plantagen zu schuften. Alle Gruppierungen haben ihre Moscheen, Tempel und Heiligtümer, die einander - oft in unmittelbarer Nachbarschaft - mit Minaretts und gewaltigen Kuppeln, mit vergoldeten Buddhas und bunt bemalten Hindugöttern übertrumpfen.

Auch die durchwegs scharf gewürzte, an exotischem Gemüse (Bambussprossen) und Obst (Rambutan, Mangosteen) reiche Küche lockt mit vielen Variationen. Chinesisch zubereitete Garnelen und indische Currys wetteifern mit thailändischen Kokosmilch-Suppen und lokalen Spezialitäten wie Satay-Spießchen in Erdnuß-Sauce, indonesischem Reis und den allgegenwärtigen Hummer-Chips (Kroepok). Höchster Genuß aller Malaysier ist das weiche Innere der fußballgroßen, stacheligen Durian-Frucht, die allerdings so gewaltig stinkt, daß ihre Mitnahme in Hotels verboten ist.

Zur kulturellen Vielfalt gehört auch eine der Sprachen, die für alle verbindliche Landessprache ist aber Bahasa Malaysia, die fast überall mit lateinischen Buchstaben geschrieben wird. (In der Reisebranche sprechen zudem viele Englisch.) Da etliche Wörter aus dem Englischen übernommen wurden, sind auch viele Aufschriften verständlich: Fahrschein heißt tikit und Boot heißt bot, der Markt heißt pasar und telefoniert wird mit dem telepon. Schwieriger wird es im Nordosten des Landes, in der von strengen Moslems regierten Provinz Kelantan, wo die Landessprache mit arabischen Schriftzeichen geschrieben wird. Dort herrscht natürlich auch striktes Alkoholverbot, dafür können Touristen, die - dezent gekleidet - durchaus willkommen sind, die Männer bei der Pflege alter Traditionen beobachten: Trommelorchester und martialischer Tanz-Pantomime, Hochgeschwindigkeits-Drehkreisel und Drachensteigen.

Paläste von neun Sultanen

Formal wird diese Vielfalt von einem König zusammenhalten, auf jeweils fünf Jahre aus der Gruppe der neun Sultane Malaysias und von diesen gewählt. Ihre zahlreichen Paläste, von denen man einige auch besichtigen kann, sind eine weitere Attraktion. De facto wird das Land aber vom autoritären Langzeit-Premier Mahatir Mohamad beherrscht, in den Medien einfach "Dr. M" genannt. Der Moslem propagierte in Büchern die Überlegenheit asiatischer Werte wie Zucht und Ordnung, entwickelte wilde Verschwörungstheorien für die Ursachen der Wirtschaftskrise, entließ - wie eben erst - enge Mitarbeiter nach Belieben und steckte Oppositionsführer mit fadenscheinigen Begründungen ins Gefängnis.

Wer - und das ist auch für Reisende wichtig - irgendwie an illegale Drogen anstreift, dem droht in Malaysia die Todesstrafe. Auf der anderen Seite sieht man - mehr und besser als in anderen Entwicklungsländern - überall Schulen und Spitäler; das Straßen- und Telefonnetz funktioniert, vereinbarte Reisepläne und Reservierungen werden eingehalten.

An der touristisch stärker erschlossenen Westküste, wo sich die auf einer Straßenbrücke erreichbare Insel Penang als Massen-Urlaubsparadies darstellt, kann es einem schon passieren, daß Einheimische vom Baden im Meer abraten, weil eine nicht näher erklärte Verunreinigung des Wassers tote Fische antreiben läßt. Entschädigt wird man durch zahlreiche Ausflugsmöglichkeiten, eine Vielzahl von Sakralbauten, Schmetterlingsfarmen und Schlangentempel, wie sie andere Seebäder nicht zu bieten haben.

Nach einer Rundreise hängen viele Malaysia-Urlauber eine Badewoche in einem der nicht überlaufenen, aber voll ausgebauten Resorts an, wie sie an der sauberes Meerwasser aufweisenden Ostküste (Cherating) oder auch auf kleineren Inseln im Westen (Pulau Pangkor) zu finden sind. (Der Standard, Printausgabe)

Von Erhard Stackl
Share if you care.