Nazi-Euthanasiepolitik neu aufgerollt

19. Juli 2008, 19:22
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30.000 Tote allein im Schloss Hartheim: Buch über Opfer der Tötungsmaschinerie schildert Schicksale der "lebensunwerten Leben"

Linz - Rund 30.000 Menschen sind zwischen 1940 und 1944 im Schloss Hartheim in Oberösterreich der nationalsozialistischen Euthanasiepolitik zum Opfer gefallen. Lange Zeit blieben ihre Namen und Schicksale unbekannt, in den vergangenen Jahren machte die Forschung aber große Fortschritte. Die Ergebnisse sind im Buch "Tötungsanstalt Hartheim" gesammelt, dessen zweite, völlig neu überarbeitete Auflage im Landesarchiv in Linz präsentiert wurde.

Abläufe der "Aktion T4" fast lückenlos rekonstruiert

Die geschichtliche Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vernichtungsaktionen an kranken, behinderten und anderen als "lebensunwert" klassifizierten Menschen, ist schwierig. Denn die Euthanasieprogramme wurden streng geheim gehalten, die Mörder haben ihre Spuren systematisch verwischt. Nun ist es erstmals gelungen, die Abläufe der "Aktion T4" fast lückenlos zu rekonstruieren sowie Opfer und Täter zu identifizieren.

Gefälschte Dokumente

Die "Aktion T4" ist nach dem Berliner Sitz der Euthanasie-Tarnorganisation in der Tiergartenstrasse 4 benannt. Patienten aus psychiatrischen Anstalten und Insassen von Pflege- oder Altersheimen wurden in eigenen Todesfabriken, zu denen auch Schloss Hartheim zählte, durch Gas ermordet. Todesart und -ort wurden in den Sterbedokumenten verfälscht.

Die Historikerin Brigitte Kepplinger stellte fest, dass die Opferquoten der großen Heil- und Pflegeanstalten in der "Ostmark" noch wesentlich höher waren als im "Altreich". Aus Bayern, Slowenien und sogar dem Sudetengau wurden Menschen nach Hartheim gebracht. Anhand von regionalen Studien erklärt das Buch auch die makabere Transportlogistik der "Aktion T4".

Auch KZ-Insassen und Zwangsarbeiter Opfer

Nach dieser ersten Euthanasiewelle, der alleine in Hartheim rund 18.000 Menschen zum Opfer fielen, begannen die Nazis unter dem Decknamen "14f13", auch KZ-Insassen und Zwangsarbeiter in den Tötungsanstalten zu ermorden. Florian Schwanninger berichtet in dem Buch über den noch wenig erforschten Abschnitt der Geschichte, der in Hartheim weitere 12.000 Menschen das Leben kostete.

24.000 Tote identifiziert

Die Namen der Opfer blieben lange Zeit unbekannt. 1998 begann Gerhart Marckhgott mit dem "Opferbuch Hartheim". Heute hat die Dokumentationsstelle der Gedenkstätte in ihrer Datenbank rund 24.000 der insgesamt 30.000 Toten identifiziert. Archive von Anstalten des ehemaligen Sudetengaus könnten weitere Lücken schließen. Dazu läuft derzeit ein EU-Projekt.

Mitwissen

Ein weiteres Kapitel des Buches beschäftigt sich mit der Frage, wieweit diese Tötungsmaschinerie allgemein bekannt war. Irene Leitner dokumentiert in ihrem Beitrag das Wissens um die Euthanasiemorde in der Bevölkerung und den daraus erwachsenden Widerstand. (APA)

  • Ein Kapitel beschäftigt sich mit der Frage,
wie weit die Tötungsmaschinerie allgemein bekannt war.
    coverfoto: oberösterreichisches landesarchiv/ lern- und gedenkort schloss hartheim

    Ein Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, wie weit die Tötungsmaschinerie allgemein bekannt war.

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