"Fast-Rezession" in Spanien

11. Juli 2008, 18:49
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Inflation auf fünf Prozent, erstmals seit 1995 sinkt die Beschäftigung im Sommer

Granada - Spaniens Wirtschaft ist seit längerem am absteigenden Ast, nun droht dieser abzubrechen. Im Juni kletterte die Inflation auf fünf Prozent. Höchststand seit 13 Jahren und sie soll weiter steigen. "Keine gute Nachricht" für Wirtschaftsminister Pedro Solbes. Er schiebt die Schuld auf hohe Treibstoffpreise. Der Streik der Lkw-Fahrer wie der Fischerei Anfang Juni trieb laut Solbes auch die Preise.

Weigerte sich Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero bisher hartnäckig das Wort "Krise" zu verwenden, so kam es dieser Tage im TVerstmals über seine Lippen. Live bekam er die Supertramp-Platte "Crisis. What Crisis?" geschenkt.

Im Sommerquartal sinken erstmals im Tourismusland Spanien seit 13 Jahren die Beschäftigungszahlen. Hat man 2007 noch 675.000 neue Arbeitsplätze geschaffen, waren es heuer 60.000. 15.000 Jobs verlor die Hotellerie im Juni. Die OECD prognostiziert Spanien als EU-Spitzenreiter bei Arbeitslosen mit Ende 2009, für 2008 erreiche das Land 9,7 Prozent. Ende Juni waren 2,3 Mio. arbeitslos gemeldet. "Die Wirtschaft ist fast in einer Phase der Rezession", sagte Tourismusminister Miguel Sebastián. Auch Solbes sieht das Land "nicht weit vom Nullwachstum entfernt" . Celestino Corbacho erwartet als Arbeitsminister für 2009 gar eine Arbeitslosenrate von elf Prozent.

In der Bauwirtschaft zeigt sich selbiger Trend verstärkt, und auch die Industrie spricht von einer "intensiven Verlangsamung". Die Preise der Neubauten sanken im Mai um 2,1 Prozent. Privatkonkurse von Familien stiegen um 44 Prozent gemessen am ersten Halbjahr 2007. Was die Bevölkerung bei all diesen Statistiken aufregt: Die Zahl der Dollar-Millionäre stieg in Spanien um vier Prozent auf einen Rekordstand von 164.000.

Der Dämon Stagflation geht derzeit weltweit um: Dominique Strauss-Kahn, Chef des Internationalen Währungsfonds, sagte am Freitag bei einer Konferenz in der Ukraine, die Weltwirtschaft befinde sich genau "zwischen dem Eis der Rezession und dem Feuer der Inflation". (Jan Marot aus Granada, DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.7.2008)

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