To whom it may concern

11. Juli 2008, 18:50
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Die schöne Praxis des Briefschreibens ist ja wieder modern geworden, besonders wenn die Briefe publiziert werden - Von Franz Fischler

Die schöne Praxis des Briefschreibens ist ja wieder modern geworden, besonders wenn die Briefe publiziert werden. Daher möchte auch ich davon Gebrauch machen und als Wähler darlegen, was ich mir in den kommenden Wochen bis zum 28. September erwarte. Natürlich haben Sie als PolitikerInnen gerade jetzt zwischen Strategiesitzungen mit Spin-Doktoren, Arbeiten in den War-Rooms, Fototerminen und kollektivem Händeschütteln wenig Zeit für meine Anliegen als Wähler. Deshalb nur einige wenige, für mich wichtige Punkte.

Bitte könnten Sie zumindest den Versuch wagen, den gar nicht schönen Sport des "Dreckbatzerl-Werfens" möglichst zu unterlassen. Erstens möchte ich mich nicht durch Leute, die am Wahltag bis oben angepatzt sind, nach der Wahl vertreten lassen, und zweitens, bedenken Sie: Wer immer mit Dreck um sich wirft, bekommt auch selbst seine Spritzer ab. Als Wähler habe ich die Nase voll von selbstgefälligen Kritikern, die es verabsäumen, vor der eigenen Tür zu kehren. Gefragt sind konstruktive und zukunftsfähige Lösungsansätze, die unser Leben wirtschaftlich und sozial absichern, Umwelt und Ressourcen schonen, unseren Lebensstandard erhalten und dazu beitragen, dass man Österreich auch in Zukunft als Kulturnation bezeichnen kann.

Des Weiteren teile ich mit, dass ich in diesem Wahlkampf die Annahme von Luftballons und Wahlzuckerln jeglicher Art verweigern werde. Heiße Luft und platzende Bubbles haben wir ohnedies mehr als genug, und Wahlzuckerln, die sich nach der Wahl in bittere Pillen verwandeln, hasse ich. Besonders allergisch bin ich gegen Koalitionsansagen, die man nachher mit dem Argument "Es ist nicht anders gegangen ..." "leider" nicht einhält. Wie wäre es, wenn Sie zur Abwechslung statt der obligatorischen Ballons, die erfahrungsgemäß schon am Wahlabend platzen, einige klare Aussagen und Inhalte präsentieren würden? Diese könnten uns als Staatsbürger eine seriöse Auswahl zwischen politischen Programmen, Parteien und Personen ermöglichen. So könnten zumindest die Wähler einen guten Job im Rahmen des demokratischen Systems Österreich machen.

Ich erwarte von den künftigen Regierungsverantwort-lichen Österreichs ein klares JA zu Europa und damit lediglich die Umsetzung des Willens der Wähler, die sich bekanntlich mit Zweidrittelmehrheit für den Beitritt in die Europä-ische Union ausgesprochen haben. "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!" kann nicht mehr länger die Devise in Bezug auf die Europäische Union sein. Mit angenehmen Ergebnissen schmückt man sich selbst, an den schwierigen Entscheidungen ist die EU schuld. Wen wundert es, dass das Image der EU von Tag zu Tag schlechter wird. Dagegen helfen keine Volksabstimmungen über Verträge, die in einer repräsentativen Demokratie von den gewählten Volksvertretern ratifiziert werden sollen, sondern ausschließlich ehrliche Information und intensive Kommunikation.

Im Übrigen verstehe ich überhaupt nicht, warum acht Millionen Österreicher bestimmen wollen, ob 450 Millionen andere Europäer die Integration weiterentwickeln dürfen, aber gleichzeitig nicht darüber abstimmen sollen, wie die österreichische Verwaltung, deren Tätigkeit sie jeden Tag zu spüren bekommen, reformiert werden soll, oder das Gesundheitssystem oder wie ihre Kinder ausgebildet werden oder …

Zu guter Letzt die viel-zitierte "soziale Wärme" . Ich meine damit nicht den Kuschelkurs von Politikern mit der "Basis" während des Wahlkampfs. Gemeint sind auch nicht Sozialgeschenke, sondern politische Rahmenbedingungen, die auf ihre soziale Verträglichkeit überprüft sind und soziale Ausgewogenheit und Sicherheit ermöglichen. Mir geht es als Wähler gut, wenn ich das Gefühl haben kann, dass PolitikerInnen zur Wahl stehen, die sich um Gerechtigkeit und sozialen Zusammenhalt bemühen. (DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.7.2008)

Zur Person
Franz Fischler, promovierter Agronom, war Landwirtschaftsminister (VP)und EU-Agrarkommissar. Derzeit ist er Präsident des Ökosozialen Forums.
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