Wie auf Wasser geschrieben

11. Juli 2008, 16:51
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Ein außergewöhnlicher Erzähler: Antonio Vigevani verbindet die Geschmeidigkeit der Form mit einem demütigen Blick auf seine Figuren

Es ist der Initiative von Katharina Wagenbach-Wolffs Friedenauer Presse zu verdanken, dass auch dem deutschsprachigen Publikum ein ganz außergewöhnlicher italienischer Erzähler greifbar geworden ist. Mit einer Übersetzung des Romans Sommer am See war erstmals ein Werk von Alberto Vigevani auf Deutsch zu lesen, nun folgen mit dem schönen Band Ende der Sonntage zwei wunderbare Erzählungen nach, die zugleich eine sehr empfehlenswerte Erstbegegnung mit Vigevani darstellen. Sommer am See war die präzise Schilderung des Eintritts des vierzehnjährigen Giacomo in die "Welt der Großen" im Mailand der 30er-Jahre. In den nun von Marianne Schneider wieder kongenial übertragenen Erzählungen sind Vigevanis außerordentliche Genauigkeit und eine so beglückende Beobachtungsgabe besonders intensiv zu erleben.

Denn Vigevanis Erzählen schöpft aus nahezu real fassbaren Erinnerungen. In Italien wurde dies oftmals mit Prousts Recherche verglichen. Die treffendste Beschreibung dieser flimmernden Universen in Vigevanis Geschichten fand Schneider aber in einem Gedicht des Autors: Vigevani schreibt seine Geschichten "beinahe, als wären sie auf Wasser geschrieben" . Die titelgebende Geschichte erzählt von einer besonderen Gepflogenheit aus der Kindheit des Autors: Sonntags versammelte sich die weitverzweigte Familie stets in der großen Wohnung einer Tante. Zur Unterhaltung der meist in großer Anzahl anwesenden Kinder erschien dort ein Künstler, Signor Cavallini, der zwar keine echten Tauben aus seinem Zylinder fliegen lassen konnte, aber ein unvergleichlicher Meister im zauberhaften Spielen und Vorgaukeln war, der in jede Rolle schlüpfen und seinen Körper aufs Erstaunlichste beherrschen konnte. Doch das Glück der Kinder ist nicht für die Ewigkeit bestimmt. Die Börsenkräche und die herrschende Depression verhindern das Fortdauern dieses sorglosen wöchentlichen Beisammenseins.

Ehe der vor 90 Jahren in Mailand geborene Vigevani (der 1999 in seiner Heimatstadt starb) 1943 vor dem Faschismus in die Schweiz fliehen musste, war seine Buchhandlung ein Treffpunkt für die Gegner des Regimes. Das erste eigene literarische Werk, das er nach seiner Rückkehr nach Italien im eigenen Verlag herausgab, trug den Titel Erinnerungen eines bibliophilen Buchhändlers, später schrieb er Romane, Erzählungen und Lyrik.

Der herausragenden Übersetzerin Schneider verdanken wir nun auch das Wissen um Vigevanis detaillierte Arbeit als Autor wie als Verleger: Zwischen den Ausgaben seiner Publikationen seien zahlreiche Veränderungen bemerkbar, welche stets den Stil seiner Geschichten betraf, die Beschreibungen der Personen und die auch im Deutschen so schön erhaltene Musikalität der Sprache.

Was ist es, das die Einzigartigkeit, das Schillernde dieses eleganten Erzählers ausmacht? Neben den geschmeidigen Formen der Erinnerung ist es zweifellos der so bescheidene Blick des Autors auf seine Figuren. Vigevani urteilt niemals über seine Charaktere, er nähert sich ihnen unermüdlich von allen Seiten, um sie begreifbar zu machen und um sie zu verstehen. Dies, und das teilt Vigevani seinem Leser mit, kann niemals gelingen. (Isabella Hager, ALBUM/DER STANDARD, 12.07/13.07.2008)

Alberto Vigevani, "Ende der Sonntage" . Übersetzung von Marianne Schneider. € 16,00 / 142 Seiten. Friedenauer Presse, Berlin 2008
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