Privatkopien quasi "Menschenrecht"

7. Juli 2008, 12:09
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Während die USA und Europa die Handhabung des Kopierschutzes verschärfen, geht Japan den umgekehrten Weg: Zehn private Kopien von TV-Sendungen gelten als Bürgerrecht

Japans Regierung will zum Wohle der Vollvernetzung der Gesellschaft restriktive Kopierschutzbeschränkungen durch einen pragmatischen Kompromiss lockern. Seit gestern, Freitag, dürfen Japaner insgesamt zehn Kopien digital ausgestrahlter Fernsehprogramme erstellen. "Dubbing 10" wird die neue Möglichkeit genannt. Bisher durften sie digitale Sendungen legal nur einmal von der Festplatte ihres Videorekorders auf einen anderen Datenträger übertragen. Die Datei auf der Festplatte wurde dabei gelöscht.

Gegen den Trend

Der japanische Vorstoß könnte als interessante Alternative für den entgegengesetzten Trend in anderen Industrieländern dienen, das Recht auf Privatkopien auszuhöhlen. In Österreich und in Deutschland sind zum Beispiel Privatkopien grundsätzlich erlaubt. In Deutschland darf allerdings jedweder Kopierschutz, den der Produzent installiert, nicht umgangen werden. So können z. B. digitale Aufnahmen von TV-internen Festplatten nur analog kopiert werden.

Digitale Programme mit Kopierschutz

Durch die neuen technischen Möglichkeiten digitaler Medien haben es damit die Inhalteproduzenten allein in der Hand, über die mögliche Anzahl an Privatkopien zu entscheiden. Denn bei der Entwicklung digitalen Fernsehens kamen Sender und Gerätehersteller im Jahr 2004 auf die Idee, digitale Programme mit einem Kopierschutzcode auszusenden. Mit dem kann der Rechteinhaber die Zahl der Kopien nach Gutdünken von "Kopiere nie" bis "immer" regeln. In Japan erlaubten die Fernsehsender nur eine Kopie nach der Speicherung. In Europa ist der Konsument nur deshalb noch von ähnlichen Einschränkungen verschont, weil erstens das Digital-TV anders als in Japan noch nicht Standard ist und zweitens lange ohne Kopierschutzcode ausgestrahlt wurde.

Nicht nur zum Kundenwohl

Bei der gesetzlichen Einschränkung der Kontrollmacht der Medienhersteller geht es Japans Regierung natürlich nicht nur um das Kundenwohl. Sie will verhindern, dass allzu restriktiver Schutz die Entwicklung der vernetzten Digitalgesellschaft und damit den Verkauf vernetzbarer Geräte verhindert. Denn ohne das Recht auf Privatkopien können Kunden Filme und anderes nicht vom Videorekorder auf Handys, Notebooks oder tragbare Videoplayer übertragen.

Vernetzte Gesellschaft

Mit zehn Kopien ist einer typischen Kleinfamilie, den Unternehmen sowie der amtlichen Vision gut gedient, Japan zur weltweit führenden allzeit vernetzten Gesellschaft aufzurüsten, denken die Bürokraten. Schließlich können so Vater, Mutter und das Kind gespeicherte Programme kopieren. Gleichzeitig hat die Industrie ihren Willen, allzu einfache Massenkopien ihrer Produkte zu verhindern.

Holpriger Start

Allerdings verlief die Einführung holprig. Ursprünglich für den 2. Juni geplant, musste sie verschoben werden, weil sich Medien- und Hardwareproduzenten nicht über die Einbeziehung von Rekordern und Musikplayern in die Urheberrechtsabgabe einigen konnten. Die Inhalteproduzenten verlangen dies, weil sie sich den Kompromiss mit höheren Gebühreneinnahmen versüßen lassen wollen. Die Gerätehersteller lehnen das ab. Trotz offener Streitpunkte wurde "Dubbing 10" jetzt eingeführt. Der Grund für den Pragmatismus: Eine weitere Verschiebung hätte das vorolympische Geschäft der Elektronikindustrie geschmälert. (Martin Kölling aus Tokio/ DER STANDARD Printausgabe, 5. Juli 2008)

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    Spiderman muss keine Raubkopierer mehr bekämpfen: Digitale TV-Sendungen dürfen in Japan nunmehr zehnmal kopiert werden.

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