Wie man einem General seinen Laptop klaut

4. Juli 2008, 17:42
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Abwehramt zeigt Sicherheitslücken – und Grenzen seiner eigenen Tätigkeit – auf

Wien – Das Auffliegen der Spionageaffäre begann mit einem privaten Telefonat über das dienstliche Telefon im Verteidigungsministerium. Ein hoher Offizier, der unter anderem mit Beschaffungsfragen befasst war, hatte Probleme mit seinem privaten Laptop – die Festplatte streikte. Vielleicht könne ein Freund sich das einmal ansehen?

Der Freund willigte ein. Wie er denn an das defekte Gerät kommen könne? Die beiden Herren vereinbarten: Der Offizier werde seinen Computer beim Sicherheitsdienst der Rossauer Kaserne hinterlegen – der Freund solle sich am nächsten Tag dort melden, das Gerät abholen und daheim ansehen.

Gesagt, getan: Tatsächlich kam am nächsten Tag ein höflicher Herr zum Sicherheitsdienst, fragte nach dem "Laptop vom Herrn General" und bekam diesen ausgehändigt. Nur war der höfliche Herr nicht besagter Freund – der kam zwei Stunden später. Da wurde erst klar, dass ein Unbekannter den Laptop des Generals geklaut hatte.

Der Vorfall im November 2006 wurde am Donnerstag von Oberst Walter J. Unger, dem Leiter der elektronischen Abwehr im Ab-wehramt, dem Inlandsgeheimdienst des Bundesheeres, als Beispiel für einen Spionageangriff direkt auf das Verteidigungsministerium genannt.

Ungers Experten forschten nach der Sicherheitslücke: Wer konnte davon wissen, dass der Offizier seinen Computer an jenem Tag dem Sicherheitsdienst zur Abholung durch einen Fremden übergeben würde? Es musste jemand sein, der den Offizier abgehört hatte. Verwanzte Büros? Fehlanzeige. Die Ermittlungen konzentrierten sich bald auf die Telefonanlage, genauer: auf die Nebenstelle des Generals und seiner Sekretärin. Auch die Telefonapparate waren bei der ersten Untersuchung und selbst im Röntgenbild unauffällig.

Erst mit der Lupe wurde entdeckt, dass in einer Schaltung eine Lötstelle manipuliert war. Sie ermöglichte ein Abhören des Gesprächs – wer davon profitiert haben könnte, ist bis heute nicht klar, infrage kommen sowohl ausländische Dienste als auch Unternehmen, die sich vom Abhören und von auf dem Laptop gespeicherten Daten Informationen über Beschaffungsvorhaben erhofft haben.

Dass das Abwehramt solche Storys überhaupt publik macht, hat damit zu tun, dass die Geheimdienstoffiziere die Sorglosigkeit anderer im Umgang mit sensiblen Informationen mehr fürchten als um die eigene Geheimhaltung. Das gelte zwar im Zuständigkeitsbereich der militärischen Abwehr besonders – ähnlich manipulierte Telefone könnten aber auch in Privatunternehmen stehen.

Eine Wanze als Geschenk

Oder es könnte irgendwo ein Funkmikrofon herumliegen, wie jenes, das das Abwehramt in einem Besprechungszimmer einer militärischen Dienststelle gefunden hat. Das eigentlich für Präsentationen oder Durchsagen gedachte Mikro sei seit fünf Jahren nicht benutzt worden – und es sah auch ausgeschaltet aus. Neue Batterien und eine kleine Manipulation in der Elektronik haben es aber befähigt, die im Besprechungszimmer geführten Unterhaltungen bis zu 300 Meter weit zu senden. Weitere wenig bekannte Sicherheitslücken sieht Unger etwa in der Umleitung von Handy-Gesprächen über – billige – internationale Verbindungen: In China gebe es tausende Auswerter, die das Mitgehörte auf Verwertbarkeit prüfen können.

Manche Ahnungslose ließen sich Wanzen auch einfach schenken: In Form von manipulierten Handys, die nicht nur Telefonate, sondern gleich alle Gespräche in der Umgebung mitschneiden.

Über eigene Abhöraktionen sind die Geheimdienste typischerweise schweigsam. Abwehramts-Chef Brigadier Wolfgang Schneider meint, die Frage sei nicht, was ein Nachrichtendienst dürfe – vielmehr gehe es darum, ob er einer ausreichenden politischen Kontrolle unterliege. Was ein Geheimdienst über der Gürtellinie tue, sei Pflicht, die eigentliche Arbeit beginne unterhalb. Und jeder Dienst sei interessiert, dass die Gürtellinie besonders tief gezogen werde. (Conrad Seidl/DER STANDARD, Printausgabe, 5.7.2008)

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