Nachrichten aus Alaska

11. Juli 2008, 13:13
posten

Wieder einmal seltsame Zeiten für Juden: über Michael Chabons neuen Roman "Die Vereinigung jiddischer Polizisten"

Detective Meyer Landsman hat Probleme, als sei er gerade aus einem Krimi von Dashiel Hammett oder Raymond Chandler entlaufen. Vor zwei Jahren hat er seine Ehe in den Sand gesetzt und lebt nun in einem heruntergekommenen Hotel auf der Max Nordau Street. Seine Kriminalfälle halten ihn noch halbwegs auf Trab, aber sein wachsender Alkoholkonsum fordert langsam Tribut von ihm.

Vor einem Jahr ist seine Schwester, die Pilotin, mit ihrer Piper Super Cub am Mount Dunkelblum abgestürzt, ohne dass man wüsste, warum. In zwei Monaten wird die Welt, in der er sein Leben verbracht hat, aufhören zu existieren. Und in Zimmer 505, sozusagen vor der eigenen Tür, wird eine Leiche gefunden. Der Unbekannte, der unter falschem Namen im Hotel seinen beiden Leidenschaften nachgegangen ist, dem Heroin und dem Schachspiel, ist auf rätselhafte Weise mit einem Schuss in den Hinterkopf exekutiert worden und gibt auch sonst Rätsel auf. Noch nie ist Detective Landsman einem drogensüchtigen Opfer begegnet, das sich die Venen offenbar mit Gebetsriemen abzubinden pflegte, bevor es sich eine Spritze setzte.

Wer ist der Tote, der sich Emanuel Lasker, wie der legendäre Schachspieler, genannt hat? Und wird der Messias wirklich kommen, am Ende der Zeiten, die jedenfalls für das jüdische Siedlungsgebiet in Alaska gekommen sind? Landsman gehört jedenfalls nicht zu denen, die an sein baldiges Kommen glauben. Anders als zum Beispiel, "Elijah" , der Schnorrer, der bei Landsman an den Falschen gerät. "Messias kommt" , sagt er. Es ist keine richtige Warnung, doch als Erlösungsversprechen fehlt es dem Satz an der gewissen Wärme. "Das trifft sich gut" , sagt Landsman und weist mit dem Daumen in Richtung Hotellobby. "Seit heute haben wir nämlich ein Zimmer frei." Für Landsman, "Händler für Entropie" und "Ungläubiger aus Neigung und von Berufs wegen" , ist der Himmel Kitsch, und eigentlich will er bloß einmal ordentlich schlafen.

Doch daraus wird nun nichts mehr. "Seltsame Zeiten für Juden" sind wieder einmal angebrochen, wie damals, 1948, als der jüdische Staat in Palästina nach drei Monaten durch ein Massaker beendet und die Überlebenden Zuflucht an der Küste Alaskas fanden, wo die amerikanische Regierung – wie wir ja alle wissen – schon 1940 die Aufnahme von anderthalb Millionen Juden aus Europa erlaubt hatte. Für sechzig Jahre erhielten die jüdischen Flüchtlinge das Gebiet um die Stadt Sitka auf Baranof Island als autonomen Distrikt zugewiesen.

Doch nun, 2008, ist die Zeit um. Und die Zukunft ungewiss. Die amerikanischen Behörden lassen sich nicht in die Karten schauen, die Abwicklung von Landsmans Mordkommission wird jedenfalls schon einmal vorbereitet. Michael Chabons Roman geht noch ein Stück weiter, als Philip Roths fulminante Geschichte vom erfundenen Wahlsieg Lindberghs in den USA 1940, seiner hart an der möglichen Realität entlang erzählten Fiktion vom "Plot against America" , der "Verschwörung gegen Amerika" . "Im Rückblick betrachtet" , so schreibt Roth dort, "war das schonungslose Unvorhergesehene das, was wir Kinder in der Schule als ‚Geschichte‘ lernten, harmlose Geschichte, wo alles Unerwartete zu seiner Zeit als unvermeidlich verzeichnet wird. Den Schrecken des Unvorhergesehenen lässt die Geschichtswissenschaft verschwinden, indem sie eine Katastrophe zu einem Epos macht." Die Geschichte ist das, was übrigbleibt, wenn man alle möglichen Geschichten abzieht. Und der Zufall, der Feind des Historikers, hat immer das letzte Wort. Das ist in Romanen anders, auch da, wo es nicht um vermeintliche "Endspiele" auf dem Brett, in Alaska und auf dem Globus geht, um "Zugzwang" und das "Buch des Lebens" , in dem angeblich alles schon drinsteht.

Chabon hat seinen Plot mit schöner Zwangsläufigkeit gestrickt und lässt dabei doch kaum eine Gelegenheit aus, uns zu überraschen. Hier ist nicht das Unvermeidliche in "Wirklichkeit" unerwartet, sondern umgekehrt, hinter allem steht ein gnadenlos folgerichtiger, bissiger Sarkasmus. Die Juden von "Sitka" , sie sind "wie Goldfische in einer Tüte, die wieder in den großen schwarzen See der Diaspora geschüttet werden sollen" . Am Ende sind alle wieder da, wo sie immer schon waren, in der Zerstreuung in die Welt geworfen, und dabei immer bei sich. "Die Raumzeit in Sitka ist ein gekrümmtes Phänomen; ein Jid mag in jede Richtung greifen, so weit er kann, am Ende klopft er doch nur sich selbst auf den Rücken." Was Landsman mit den Jidden in aller Welt teilt, das sind wertlose Symbole (wie sein Mitgliedsausweis der weltweiten Vereinigung jiddischer Polizisten) und der ironische Blick auf die sprachlichen Metaphern, mit denen man es sich überall in der Welt einrichten kann, sogar zwischen Eisbären, Iglus, Rentieren und Indianern, obwohl es – einmal abgesehen von den jiddischen Kinderliedern aus Landsmans Jugend – nur die Letzteren in Süd-Alaska tatsächlich gibt, sogar in Landsmans Verwandtschaft. Berko Shemets, sein Cousin und Kollege bei der Mordkommission, ist nicht das einzige überraschende Resultat der Abenteuer seines Onkels Herz, die im Verlauf des Romans ans Licht treten sollen.

Dabei kalkuliert Chabon seine sprachlichen Manierismen mit feinem Gespür für die Zweideutigkeit eines Lebens, in das der Messias immer und überall eintreten kann, auch in Gestalt eines toten Junkies auf Zimmer 505, der die Chance, die Welt zu retten, für seine Generation jedenfalls, wieder einmal gründlich verpasst hat. Am Ende des Buches sind Landsman und seine Exfrau Bina Gelbfish um einige spirituelle Erfahrungen reicher, ein paar Illusionen ärmer und irgendwie noch immer wie für einander gemacht. Der Messias ist uns geradezu sympathisch geworden, wenn auch nicht alle seiner Anhänger. Die Orthodoxen jeder Couleur, von den braven Satmarern bis zu den kriminellen Verbovern, die sich genauso ernsthaft mit den "Spitzfindigkeiten koscherer Speisezubereitung" wie mit den Details "illegaler Kennzeichenänderung" und dem Eintreiben von Schutzgeldern beschäftigen, haben neue Freunde gefunden, ganz wie in der schnöden Wirklichkeit. Moderne evangelikale Kreuzritter machen sich die Angst der Goldfische, nämlich wieder in den Teich zurückgeworfen zu werden, zunutze für ihren ganz eigenen Plot, der die Apokalypse auf die Erde zwingen soll, wenn sie denn nicht freiwillig kommt. Michael Chabon, dessen Unglaubliche Abenteuer von Kavalier und Clay 2001 den Pulitzer-Preis gewannen – für ihren respektlosen Umgang mit dem amerikanischen Mythos des Superman –, lässt diesmal keinen jüdischen Mythos unbefragt stehen.

Angesichts von so viel falschem Pathos und so viel Ratlosigkeit gegenüber den Zugzwängen einer Geschichte, die immer wieder als Schicksal ausgegeben wird, erweist sich sein Buch als ein böser, visionärer, vor allem aber ein im besten Sinne ironischer Beitrag zu Israels Geburtstag. (Hanno Loewy, ALBUM/DER STANDARD, 05.07/06.07.2008)

Michael Chabon, "Die Vereinigung jiddischer Polizisten" . Übersetzung ins Deutsche von Andrea Fischer. € 20,60 / 422 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008.

Zur Person:
Hanno Loewy ist Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems.
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Lässt keinen jüdischen Mythos unbefragt stehen: Michael Chabon.

Share if you care.