Desktop: Heftige Auseinandersetzungen um KDE4

6. Juli 2008, 10:35
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KritikerInnen sehen falsche Ausrichtung und verlangen Abspaltung - Diskussion über Relevanz von UserInnen

Mit der Entwicklung von KDE4 hat sich das Projekt hinter dem Unix-Desktop einen großen Brocken Arbeit aufgehäuft: Durch die Schaffung zahlreicher neue Basis-Technologien und die Konzentration auf frische Desktop-Paradigmen will man der Software eine Runderneuerung verpassen - ein Schritt der schlussendlich auch neue BenutzerInnen gewinnen soll.

Risiko

Doch so ein großer Schritt ist natürlich auch mit gewissen Risiken und Problemen verbunden, immerhin benötigen große Umbrüche auch so ihre Zeit - ein Zeit in der man sich in der Entwicklung durchaus auch mal verlieren kann, auch weil man vom Feedback der BenutzerInnen weitgehend abgeschnitten ist. Ein Umstand, der freilich auch dem KDE-Projekt nicht unbekannt ist.

4.0

Also hat man Anfang des Jahres KDE 4.0 veröffentlicht - dies durchaus in dem Bewusstsein, dass die Software zu diesem Zeitpunkt noch alles andere als fertig war. Aber über diesen "Trick" sollten mehr BenutzerInnen zum Testen bewogen werden, etwas woran es bei den vorangegangenen Pre-Releases mangelte.

Enttäuschung

Eine Vorgehensweise, die jedoch so ihre Schattenseiten hat: Viele BenutzerInnen zeigten sich von KDE 4.0 enttäuscht und kehrten rasch wieder zu KDE 3.5.x zurück. In Testberichten wurde zwar immer wieder das Potential der neu geschaffenen Plattform betont, aber auch der derzeitige Zustand als nur äußerst begrenzt alltagstauglich klassifiziert.

Ausblick

Eine Kritik, der das KDE-Projekt immer wieder mit dem Hinweis auf KDE 4.1 begegnete - mit der kommenden Release des Desktops soll die Software wichtige Verbesserungen erfahren, und so auch die KDE 3.5.x-BenutzerInnen endgültig zum Umstieg animieren. Nun naht die Veröffentlichung von KDE 4.1 - noch im Juli soll es soweit sein - allein: Die Kritik will nicht verstummen, ganz im Gegenteil.

Fork?

In den letzten Wochen ist in der KDE-Community eine heftig geführte Debatte über die Zukunft des Projekts ausgebrochen. Als Höhepunkt hatten einige BenutzerInnen einen Fork von KDE gefordert, darunter auch der langjährige Linux-Journalist Steven J. Vaughan-Nichols.

Kritik

In einem Blog-Posting kritisiert er dabei aber nicht nur die weiterhin vorhandenen Bugs oder fehlende Funktionen, sondern auch die grundlegende Ausrichtung. Gerade die neue Desktop-Shell Plasma sei für ihn ein Schritt in die falsche Richtung. Lieber wäre ihm jemand würde KDE 3.5.x auf QT4 portieren und so eine Art "KDE Classic" kreieren.

Zentral

Die KDE-EntwicklerInnen hätten bei dem Versuch mit KDE4 radikale Änderungen durchzuführen, einen klassischen Fehler begangen: Sie hätten Software nur für sich und nicht für die BenutzerInnen entwickelt.

Falsch

Dem halten andere, wie etwa Ryan Paul von Arstechnica, entgegen, dass ein Fork eine vollständig falsche Entscheidung wäre. KDE4 brauche einfach noch Zeit, um sein volles Potential entwickeln zu können, das Experimentieren mit neuen Konzepten sei hierfür zentral. Und wer dies nicht wolle, könne KDE 4.1 noch immer so konfigurieren, dass es sich kaum von einem KDE 3.5.x unterscheide.

UserInnen?

Jenseits der Frage nach einem Fork sorgt derzeit aber noch ein anderes Thema für erzürnte Diskussion: Verärgert über stete Anfeindungen auf Mailing-Listen und in Foren hatten einzelne KDE-Entwickler die Frage aufgeworfen, ob KDE überhaupt UserInnen brauche, immerhin würden diese bei einem Open-Source-Projekt zur Weiterentwicklung nichts beitragen. Eine Meinung, die erwartungsgemäß ähnlich starke Reaktionen auslöste, so trat etwa Novell / SUSE Community Manager Joe Brockmeier in einem eigenen Blog-Eintrag einer solchen Einstellung entschieden entgegen.

Rückzug

Ein Ende des Flamewars ist derzeit noch nicht abszusehen, als negativer Höhepunkt hat sich nun auch einer der Beteiligen für's Erste aus der Community zurückgezogen. KDE-Entwickler Troy Unrau will sich zumindest vorerst auf andere Unterfangen konzentrieren - auch wenn er eine Rückkehr nicht grundsätzlich ausschließt. Andere zentrale Entwickler, wie der bei Plasma federführende Aaron Seigo, haben sich hingegen "nur" aus den diversen Diskussionen vollständig ausgeklinkt und wollen sich lieber auf die Entwicklung an sich konzentrieren. (Andreas Proschofsky, derStandard.at, 04.07.2008)

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KDE4

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