"Einige Länder stehen an der Kippe"

1. Juli 2008, 23:45
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Der Internationale Währungsfonds warnt vor unkontrolliert steigenden Preisen für Lebensmittel und Energie - Österreichs Bauern stellen indes in Abrede, Profiteure von hohen Preisen zu sein

Washington/Wien – Der rasante Preisanstieg bei Nahrungsmitteln und Energie setzt vor allem ärmere Staaten immer stärker unter Druck. "Einige Länder stehen auf der Kippe" , sagte der Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, am Dienstagabend bei der Vorlage einer umfassenden Studie über die Auswirkungen der Preisexplosion.

Sollten Nahrungsmittel noch teurer werden, und sollte der Ölpreis gleich bleiben, "werden einige Regierungen nicht mehr in der Lage sein, ihre Bevölkerung zu ernähren und zugleich die Stabilität ihrer Volkswirtschaft zu gewährleisten" , warnte Strauss-Kahn.

In höherentwickelten Ländern werden höhere Nahrungsmittel- und Ölpreise zu einer Verschlechterung des Lebensstandards führen. Für Regierungen und Zentralbanken werde es zunehmend schwieriger, das Wachstum zu unterstützen und gleichzeitig die Inflation einzudämmen. In den "Emerging Markets" , also den aufstrebenden Volkswirtschaften, und da insbesondere in Niedriglohnländern, sei dieses Risiko unso höher. "Für die ganz Armen können hohe Lebensmittelpreise tiefe Armut, Hunger und Unterernährung bedeuten, heißt es in der IWF-Analyse.

Daher bräuchten diese Länder dringend Hilfe vonseiten der internationalen Gemeinschaft. "Ihre Herausforderung ist unsere" , sagte Strauss-Kahn.

Die negativen Auswirkungen sind mess- und spürbar: Laut der IWF-Erhebung haben einer Gruppe von 33armen Lebensmittel-Nettoimporteur-Staaten im Jahr 2007 allein die höheren Lebensmittelpreise rund 2,3 Milliarden Dollar oder 0,5 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) gekostet.

Noch drastischer ging es beim Öl zu: Die explodierenden Ölpreise haben in 59 Ländern in der Klasse mit niedrigen Einkommen gar 35,8Mrd. Dollar oder 2,2 Prozent ihres BIP verschlungen.

IWF-Chef Strauss-Kahn hat sich bereits im April wegen akuter Versorgungsprobleme bei Nahrungsmitteln für einen Stopp des Anbaus von Biokraftstoffen ausgesprochen. Die Herstellung von Agrarsprit sei angesichts der Hungerkrisen in armen Ländern "ein echtes moralisches Problem" , hatte Strauss-Kahn damals gewarnt und wiederholte dies auch jetzt. Er sei für die Prüfung eines Stopps oder Moratoriums bei der Herstellung solcher Kraftstoffe, wenn sie auf zur Lebensmittelproduktion eingesetzten Pflanzen basierten. Zuvor hatte auch die Weltbank vor einem Krisenszenario wegen des Biospritanbaus gewarnt.

Biosprit werde aus seiner Sicht ohnehin nicht dazu beitragen, die Energieprobleme der Welt zu lösen, warnte der IWF-Chef. Motoren mit Wasserstoffantrieb würden "in einigen Jahren deutlich leistungsfähiger" sein. Bei den Hungerkrisen liege "vielleicht das Schlimmste noch vor uns" . Kriege wegen des Kampfes um Nahrungsmittel seien nicht auszuschließen.

Zuvor hatte auch die Weltbank vor einem ähnlichen Szenario gewarnt. Weltbank-Direktor Robert Zoellick sagte, 33 Länder könnten wegen der gestiegenen Lebensmittelpreise von sozialem Chaos und politischen Unruhen heimgesucht werden. Die Entwicklung könne etwa 100 Millionen Menschen ins Elend abrutschen lassen und bedrohe das Wohlergehen "zukünftiger Generationen".

Österreichs Bauern fühlen sich auf den Schlips getreten, sie verteidigten sich am Dienstag erneut gegen Vorwürfe, sie seien Profiteure der zuletzt stark gestiegenen Lebensmittelpreise. Um "die Diskussion zu versachlichen" , wie Landwirtschaftskammerpräsident Gerhard Wlodkowski in einer Pressekonferenz sagte, haben die Bauernvertreter eine Studie bei Wirtschaftsforschern in Auftrag gegeben.

"2008 dürfte für die heimische Landwirtschaft eine geringere Wertschöpfung bringen als 2007" , prognostiziert der Agrarexperte des Wirtschaftsforschungsinstitutes (Wifo), Franz Sinabell. Das Vorjahr sei "ein Ausnahmejahr" gewesen. Die Kosten für die landwirtschaftliche Produktion stiegen mit den Ölpreisen, und zwar stärker als die Marktpreise, daher sinken die Deckungsbeiträge. Der hohe Euro ist dabei ein Glück, in den USA hätten sich die Preise teils vervierfacht.

Auf der Kostenseite ist laut Sinabell keine Entspannung in Sicht: Bei Weizen und in der Schweinemast haben sich die Produktionskosten im Jahresvergleich um etwa zehn Prozent erhöht. "Die Ertragssituation wird also enger" , sagte Sinabell und warnte die Bauern, sich nicht von höheren Erzeugerpreisen blenden zu lassen: Zur Abwehr vor "der Kostenfalle" schlägt das Wifo – neben dem Hedging über die Börse – vor, verstärkt in die Qualitätsproduktion zu gehen und, etwa über Einkaufsgemeinschaften, zu versuchen, an der Kostenschraube zu drehen. (ung, szem/DER STANDARD, Printausgabe, 2.7.2008)

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