Flipcharts kennen keine Gnade

1. Juli 2008, 19:05
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Stefan Hagen berät verschuldete Firmen im TV - "Hagen hilft!" ab Donnerstag auf Kabel 1 - Der Finanzcoach im STANDARD-Interview

TV-Finanzberater sind die neuen Supernannies. Statt über Erziehung wird über das Tabuthema Schulden gesprochen. "Die Geschichte hinter den Zahlen" reizt Stefan Hagen: Der neue FinanzCoach von Kabel 1 beschäftigt sich ab Donnerstag in "Hagen hilft!" (21.15 Uhr) mit Familienbetrieben. Sein aufklärerisches Engagement gilt dem Problem, dass abseits der TV-Shows zu wenig Bewusstsein für geförderte Finanzberatung bestehe.

STANDARD: "Über Geld spricht man nicht", heißt es. Warum brechen Ihre Gäste gerade im TV das Tabu?

Hagen: Dass man sich wirtschaftliche Schwierigkeiten zu spät eingesteht, ist das große Problem. Heutzutage machen Unternehmer oft so lange weiter, bis es wirklich nicht mehr geht.

STANDARD: Ist es nicht ein Anreiz, dass der Sender Ihre Beratungskosten zahlt?

Hagen: Es stimmt, die UFA (Produktionsfirma, Anm.) bezahlt mich. Ein erheblicher Vorteil für die Protagonisten, ansonsten sind die Tagessätze so, dass Unternehmer erst mal schlucken können.

STANDARD: Was ist am Beratungsgespräch mit Kamerapräsenz anders?

Hagen: Ich nehme die Kamera nicht so wahr, bei den Kunden kann ich das nicht beurteilen. Die meisten reagieren wie im normalen Beratungsgeschäft. Manchmal verdutzt, erstaunt, auch verängstigt, weil es harte Zahlen sind, die sie so noch nicht gesehen haben. Ich stelle mich aber nicht hin und sage: ,Sind Sie wahnsinnig, ihr habt alles falsch gemacht!' Ich bin niemand, der jemanden im Fernsehen vorführen möchte.

STANDARD: Wie bereiten Sie sich auf die Klienten vor?

Hagen: Ich recherchiere zuerst vor Ort, fahre recht unbefangen hin und lerne die Leute kennen. Dann lasse ich mir die Zahlen geben, werte sie aus, und dann kommt das berühmt-berüchtigte Flipchart. Ich bin ja auch kein Freund davon. Normalerweise würde ich es nicht anwenden, aber es kommt im TV besser rüber.

STANDARD: Wo ziehen Sie da die Grenze zwischen intimen Geständnissen und dem Vorführen?

Hagen: In den Folgen fließen oft Tränen. Das passiert, wenn Menschen über harte Zahlen sprechen. Zahlen geben ja nur die Geschichten wieder, die vorher stattgefunden haben. Wir respektieren es, wenn jemand ein Thema nicht im Fernsehen behandelt haben will. Es gibt auch Freudentränen.

STANDARD: Aber haben Sie Einfluss auf den Schnitt, das "Kamera aus"?

Hagen: Das haben wir natürlich. So eine Sendung lebt von den Emotionen. Die Zuseher möchten das sehen. Damit habe ich mich anfangs ziemlich auseinandergesetzt. Wir provozieren keine Tränen oder große Emotionen. Da weiß ich von anderen Sendungen, dass das vorgekommen ist, und so einen Fall habe ich nie erlebt, nicht in meinem Beisein.

STANDARD: Haben Sie bereits einen der TV-Fälle abgebrochen?

Hagen: Bis jetzt noch nicht, aber ich hätte gerne den Fall im Pilotfilm abgebrochen. Ein Bäcker hat einfach nicht am Sonntag öffnen wollen. Da kam der Punkt, wo ich sagen musste: Okay, Ihre Entscheidung. Aber ich hätte abgebrochen. (Georg Horvath/DER STANDARD; Printausgabe, 2.7.2008)

ZUR PERSON:
Unternehmensberater Stefan Hagen (41) ist Mitglied im Verband "KMU Die freien Berater".
  • Coach Stefan Hagen zückt den Rotstift.
    foto: kabel eins

    Coach Stefan Hagen zückt den Rotstift.

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