Nebenwirkungsarme Medikation

1. Juli 2008, 14:46
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Arzneimittel-Pflaster bei Morbus Alzheimer verringert Nebenwirkungen und ist jetzt auch auf Kassenkosten erhältlich

Wien - Mit 1. Juli zahlen die österreichischen Krankenkassen ein neues Wirkstoffpflaster mit der seit rund zehn Jahren in der Therapie der Alzheimer-Demenz verwendeten Substanz Rivastigmin. " Wir wollen das als Freudentag nehmen", sagte die Ehrenpräsidentin der Österreichischen Alzheimer Liga, Lotte Tobisch-Labotyn.

Cholinesterasehemmer verlangsamen das Fortschreiten

Cholinesterasehemmer - so auch die Substanz Rivastigmin (Novartis) - sind seit rund zehn Jahren in der Behandlung der leichten bis mittleren Alzheimer-Demenz zugelassen. Sie erhöhen die Konzentration des anregenden Nervenbotenstoffs Acetylcholin durch Blockade seines Abbaus durch ein Enzym. Die Behandlung verlangsamt das Fortschreiten der Hirnleistungsstörung, wirkt aber nur symptomatisch.

Problem der Compliance

Doch die Therapie hat mit Widerständen zu kämpfen. Peter Dal-Bianco, Demenz-Spezialist von der neurologischen Universitätsklinik am Wiener AKH: "Das Problem ist die Compliance (Therapietreue der Patienten, Anm.). Ein Drittel der Patienten bekommen diese Therapie, sie läuft aber zumeist nur drei bis vier Monate lang."

Pflaster senkt Nebenwirkungen

Das liegt auch an den Nebenwirkungen, wenn Medikamente wie Rivastigmin zweimal täglich als Kapsel geschluckt werden. 23 Prozent der Patienten haben gastrointestinale Beschwerden. Den Ausweg soll nun das Ein-Tages-Pflaster bieten, das kontinuierlich über die Haut 9,5 Milligramm des Wirkstoffes pro Stunde abgibt.

Konstanter Wirkspiegel im Blut

Dal-Bianco: "Wegen der Nebenwirkungen bekommen die Patienten meistens nicht die Höchstdosis in Kapselform, weil sie nicht vertragen wird." Das Pflaster umgeht sozusagen den Verdauungstrakt und den Erstabbau der Wirksubstanz in der Leber. Der Wirkspiegel im Blut bleibt konstant, was den Effekt verbessern soll.

Mit einer Häufigkeit von sieben Prozent treten bei Anwendung des Pflasters Nebenwirkungen wie Übelkeit nur noch fast so häufig wie unter Verwendung eines Scheinmedikaments auf.

Impfung wird zur Zeit erprobt

In Österreich gibt es derzeit rund 100.000 Demenz-Kranke, von denen zwischen 60.000 und 70.000 an Morbus Alzheimer leiden. Die Zahl der Demenz-Patienten dürfte in den kommenden Jahrzehnten auf 230.000 steigen, die der Alzheimer-Kranken auf 150.000.

An der neurologischen Universitäsklinik der MedUni-Wien wird derzeit schon eine aktive Impfung gegen Morbus Alzheimer aus österreichischer Entwicklung erprobt. Im Herbst soll mit einer passiven Impfung (Immunglobuline) begonnen werden.

Ursachenforschung in Wien

Struktur-, Molekularbiologie, Biochemie und Biophysik will eine Arbeitsgruppe um Thomas Marlovits vom Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) in Wien in Zusammenarbeit mit dem Institut für Molekulare Pathologie und dem Zentrum für Innovation und Technologie (ZIT) kombinieren, um hinter die eigentlichen Ursachen von Morbus Alzheimer zu kommen.

Enzyme Gamma- und Beta-Sekretase

Hier geht es speziell um die Erforschung des Enzyms Gamma-Sekretase, das entscheidend ist für die Bildung des krankmachenden und nicht abbaubaren Beta-Amyloid-Proteins. Gamma- und Beta-Sekretase sind zwei Zielproteine, die derzeit in der internationalen Alzheimer-Forschung ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. Diese Forschung wird jetzt von der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich finanziell mit 100.000 Euro gefördert. (APA)

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    v.l.n.r.: Peter Dal-Bianco, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, AKH Wien, Lotte Tobisch-Labotyn, Ehrenpräsidentin der Österreichischen Alzheimer Liga, Antonia Croy, Präsidentin von Alzheimer Angehörige Austria

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