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30. Juni 2008, 12:05
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Eine STANDARD-Diskussion über Wege der Integration chronisch kranker Menschen am Arbeitsmarkt

Die Zahl chronisch Kranker wird in den kommenden Jahren zunehmen. Viele können ihrer Arbeit auch weiter nachgehen. Es braucht Verständnis vonseiten der Arbeitgeber, sagt Hansjörg Hofer vom Bundessozialamt. Die Sozialarbeiterin Astrid Gerstl kennt die oft schwierige Realität. Das Gespräch moderierte Regina Philipp.

STANDARD: Diabetes, Multiple Sklerose, das sind nur zwei Beispiele für chronische Erkrankungen, die durch moderne Medizin heute schon derart in Schach gehalten werden können, dass ein mehr oder weniger normales Leben möglich ist. Wie sieht das für Arbeitgeber aus: Gelten chronisch kranke Menschen als behindert?

Hofer: Die Abgrenzung ist schwierig. Aus meiner Sicht ist es nicht gleichzusetzen. Bei körperlicher Behinderung geht es auch darum, räumliche Voraussetzungen für etwa einen Rollstuhl zu schaffen. Es geht aber um mehr, nämlich darum, die Bedingungen zu schaffen, die eine Gleichbehandlung ermöglichen. Das ist eine politische Maßnahme mit dem Ziel einer Chancengleichheit.

STANDARD: Und gelingt das?

Gerstl: Die Probleme für chronisch Kranke sind etwas anders gelagert. Bevor ein Mensch mit Multipler Sklerose darüber nachdenkt, welche Voraussetzungen er braucht, um weiterhin beruflich erfolgreich zu sein, stellt er sich vor allem die Frage, ob er den Arbeitgeber überhaupt von seiner Erkrankung in Kenntnis setzen soll. Erfahrungsgemäß hängt es stark vom Umfeld des Betroffenen ab. Unter Umständen kann es besser sein, nichts davon zu erzählen, weil man dann als Arbeitskraft vielleicht nicht mehr ernst genommen wird.

STANDARD: Er ist also nicht verpflichtet, den Arbeitgeber über seine Erkrankung zu informieren?

Hofer: Nein, dazu gibt es keine gesetzliche Verpflichtung und ich denke auch, dass die Entscheidung darüber, ob man es tun soll, individuell zu entscheiden ist. Wenn der Arbeitgeber aber über die Behinderung informiert ist, dann hat er eine erhöhte Fürsorgepflicht. Im Rahmen dessen, was möglich ist, muss er auf die Bedürfnisse chronisch kranker Menschen eingehen.

STANDARD: Was können das für Bedürfnisse sein?

Gerstl: Für chronisch Kranke ist das Verständnis der anderen für ihre schwierige Situation wahrscheinlich am allerwichtigsten. Denn jeder von ihnen möchte, dass eigentlich alles so weiterläuft wie bisher. Er will als Arbeitskraft weiter ernst genommen werden und wird sich nicht darüber freuen, wenn ihm jede Arbeit abgenommen wird, weil ihn keiner mehr für belastbar hält.

Hofer: Der Arbeitsplatz muss jedenfalls so adaptiert werden, dass der behinderte Mensch seiner Arbeit wie bisher nachkommen kann. In den meisten Fällen funktioniert das aber sehr gut. Die Betroffenen wissen selbst am besten einzuschätzen, wie viel Leistung sie trotz eines Handicaps bringen können.

STANDARD: Die Adaptierung eines Arbeitsplatzes für langjährige Mitarbeiter ist ein Aspekt. Welche Anreize gibt es für Unternehmen, chronisch kranke oder behinderte Menschen einzustellen?

Hofer: In Österreich gibt es das Behinderteneinstellungsgesetz. Ab einer Unternehmensgröße von 25 Dienstnehmern muss ein Arbeitgeber vier Prozent seiner Belegschaft mit Menschen besetzen, die behindert bzw. chronisch krank sind. Wer sich daran nicht hält, muss eine Geldleistung - die sogenannte Ausgleichstaxe - erbringen. Nicht zahlen zu müssen ist als Anreiz aber zu wenig.

Es geht viel mehr um eine Imagefrage. Nach dem modernen Verständnis versuchen große Betriebe heute Diver-sity-Management zu betreiben, das ist der Versuch, alle Facetten einer Gesellschaft in der Belegschaft abzubilden. Dazu gehört auch, dass nicht nur junge leistungsfähige Menschen eingesetzt werden, sondern auch ältere, weniger flexible, kranke oder behinderte Menschen.

STANDARD: Wird das auch honoriert?

Hofer: Das Bundessozialamt bietet eine breite Palette von Förderungen. Es gibt beispielsweise Zuschüsse für Arbeitsplatzadaptierungen und Lohnförderungen, um am Beginn eines Arbeitsverhältnisses eine Eingliederung zu erleichtern.

Gerstl: Das setzt aber voraus, dass vonseiten des Betroffenen selbst ein Antrag auf Zugehörigkeit zum Kreis begünstigter Personen gestellt wurde. Aus arbeitsrechtlicher Sicht hat er dann zwar einen Sonderstatus, der unter anderem auch einen erweiterten Kündigungsschutz inkludiert. In der Realität erweist sich dieser Feststellbescheid aber als Hemmschuh, den man nicht mehr loswird und der bei einem Arbeitsplatzwechsel erhebliche Nachteile mit sich bringen kann.

Hofer: Dieser Bescheid ist für die Gewährung von Förderungen aber keine zwingende Voraussetzung, für die Einstellungspflicht, die ich vorher erwähnt habe, aber schon, da braucht man diese Feststellungsbescheide. Und es stimmt: Natürlich hängt es immer von der Lebenssituation des Einzelnen ab, ob es Sinn macht, diesen Antrag zu stellen. Die Frage ist manchmal tatsächlich heikel, denn es gibt immer noch Vorurteile vonseiten der Arbeitgeber gegenüber festgestellten begünstigten Behinderten, vor allem wegen des Kündigungsschutzes.

STANDARD: Inwiefern?

Hofer: Es geht um den Mythos, dass man begünstigte Behinderte nie wieder loswird.

Gerstl: Dieses Argument wird übrigens auch gerne vorgeschoben, um sich die Einstellung eines chronisch kranken Menschen zu ersparen. In Wahrheit ist es so, dass junge dynamische Mitarbeiter einfach attraktiver für Arbeitgeber sind.

Hofer: Schade, denn verglichen mit gesunden Menschen sind Behinderte und chronisch Kranke oft wesentlich motivierter und leistungsbereiter. Sie sind bestrebt, einen bestehenden Arbeitsplatz nicht zu riskieren, denn etwas Neues zu finden, ist schwer. Jeder Arbeitgeber ist also gut damit beraten, solche Menschen nicht nur zu akzeptieren, sondern aktiv zu suchen.

STANDARD: Gibt es Initiativen, um die Beschäftigung von Menschen mit gesundheitlichen Handicaps zu steigern?

Hofer: Im letzten Jahr wurde das Pilotprojekt Disability Flexicurity entwickelt. Das ist eine Art verlängerte Probezeit, die Arbeitgebern ermöglicht, Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen, ohne sie sofort ihn in ein fixes Dienstverhältnis aufnehmen zu müssen. 2009 wird dieses Modell flächendeckend in Österreich angeboten.

STANDARD: Halten Sie diese Lösung für gut?

Gerstl: Es kann nicht genug neue Angebote geben. Wie sich gezeigt hat, ist das Behinderteneinstellungsgesetz sicher nicht der allein glücklich machende Weg. Denn von 90.000 Pflichtstellen in Österreich sind nur zwei Drittel auch tatsächlich besetzt. Ganz entscheidend ist: Neben der Arbeitgeberseite muss auch mehr für die Arbeitnehmerseite getan werden. Viele chronisch Kranke wissen einfach nicht, was sie sich zutrauen können. Hier hilft eine gute Beratung, um diese Menschen wieder ihre eigenen Ressourcen entdecken zu lassen und sich selbst als wertvolle Arbeitskräfte wahrnehmen zu können.

STANDARD:Was wäre der Idealzustand?

Hofer: Wenn Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt voll integriert wären. Voraussetzung für den erforderlichen Bewusstseinswandel ist zum Beispiel der integrative Schulunterricht, damit bereits Kinder Verständnis für behinderte Menschen entwickeln.

Gerstl: Ideal wäre eine Mischung aus freiem Arbeitsmarkt und geschütztem Arbeitsverhältnis. Chronisch Kranke sollten berufliche Optionen wahrnehmen können, aber auch ein gewisses Maß an Schutz genießen. Und ganz wichtig ist es auch für diese Menschen zu wissen, dass nicht jeder Krankenstand gleich eine Kündigung mit sich bringt.

STANDARD: Macht das nicht auch böses Blut bei den Kollegen?

Hofer: Es ist selten, dass jemand glaubt, dass für ihn persönliche Nachteile daraus entstehen, wenn einer in der Belegschaft nicht mehr voll leistungsfähig ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.6.2008)

  • Zur Person
Hansjörg Hofer (49) ist Jurist im Bundesministerium für Soziales und Konsumentenschutz. Als Rechtsexperte beschäftigt er sich mit  Behindertenangelegenheiten und kennt die Problematik aus eigener Erfahrung, weil er in Folge einer Erkrankung motorisch beeinträchtigt ist. Die Gleichbehandlung behinderter Menschen im Beruf ist ihm ein großes Anliegen.
Astrid Gerstl (35) ist Diplomierte Sozialarbeiterin und seit 1999 für die Multiple Sklerose Gesellschaft in Wien tätig, wo sie heute auch Assistentin in der Geschäftsführung ist. Die Organisation versteht sich als Anlaufstelle für an Multipler Sklerose erkrankte Menschen und deren Angehörige und steht für berufliche und soziale Fragen zur Verfügung.
    foto: standard/christian fischer fotografie

    Zur Person

    Hansjörg Hofer (49) ist Jurist im Bundesministerium für Soziales und Konsumentenschutz. Als Rechtsexperte beschäftigt er sich mit Behindertenangelegenheiten und kennt die Problematik aus eigener Erfahrung, weil er in Folge einer Erkrankung motorisch beeinträchtigt ist. Die Gleichbehandlung behinderter Menschen im Beruf ist ihm ein großes Anliegen.

    Astrid Gerstl (35) ist Diplomierte Sozialarbeiterin und seit 1999 für die Multiple Sklerose Gesellschaft in Wien tätig, wo sie heute auch Assistentin in der Geschäftsführung ist. Die Organisation versteht sich als Anlaufstelle für an Multipler Sklerose erkrankte Menschen und deren Angehörige und steht für berufliche und soziale Fragen zur Verfügung.

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