Die U-Bahn als Ort des Verschwindens

13. Juli 2008, 19:08
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Die meisten Fundstücke während der EURO kamen aus dem Massenverkehrsmittel

Wien - Zwei Fliegenfänger, auf deren klebrigen Oberflächen viele unvorsichtige Insekten zu sehen sind, baumeln von der Containerdecke. "Die Fliegen nerven hier furchtbar", beschreibt Andreas Prikoszovich den Nachteil des Standorts. Denn der Leiter des zentralen Fundservice residierte die vergangenen drei Wochen am Rande des Happel-Stadions, um Besucher und Einheimischen wieder zu ihrem Eigentum zu verhelfen.

"Zuständig sind wir für das Stadion selbst, die U-Bahn zwischen den Stationen Praterstern und Stadion und die Fundstücke aus der Fanzone am Ring" umreißt Prikoszovich sein Aufgabengebiet. "280 Gegenstände sind dabei bisher abgegeben worden, von denen wir gut 50 wieder ausgehändigt haben."

Geschlechterunterschiede gibt es nicht, Frauen und Männer verlieren gleich häufig. Nur wo mehr Dinge herren- und frauenlos werden, ist eindeutig. In der U-Bahn scheinen die Menschen besonders zerstreut zu sein. Von dort kamen die meisten Gegenstände in die Regale des Fundservice. Gefüllte Rucksäcke, zerlesene englische Bücher, Kleidungsstücke finden sich. Auch Ungewöhnlicheres kann der fotoscheue Prikoszovich bieten: Eine rote Krücke oder den Plastikroller eines Kleinkindes, das nun ohne Spielzeug dasteht.

Leicht ist die Aufgabe bei sogenannten personifizierten Funden wie Führerscheinen oder Reisepässen. Ein kolumbianischer ist da auch aufgetaucht. Die Dokumente werden entweder über die österreichischen Behörden ihrem Besitzer zugestellt oder an die ausländischen Vertretungen übergeben.

Abgeben muss der Bürger eigentlich alles, was wertvoller aussieht als ein zerlesenes Taschenbuch. Die gesetzliche Abgabepflicht besteht für jede Sache mit einem Verkehrswert über zehn Euro - ein vor dem Stadioneingang entdeckter 20-Euro-Schein müsste also beim Fundservice vorbeigebracht werden. Dafür hat der Finder auch Ansprüche: Er kann den Namen des Besitzers seines Fundes beim Amt verlangen und hat dann laut bürgerlichem Gesetzbuch das Recht auf Finderlohn.

Mit diesen Fragen beschäftigen sich Prikoszovich und seine Mitarbeiter ab Montag wieder im Stammhaus. Ohne Fliegenfänger, die bleiben beim Stadion. (Michael Möseneder/DER STANDARD, Printausgabe, 30.6.2008)

  • Rote Krücke, Schweizer Helm, verlorenes Spielzeug: In den Regalen des Fundservice liegen die EURO-Reste.
    standard/andy urban

    Rote Krücke, Schweizer Helm, verlorenes Spielzeug: In den Regalen des Fundservice liegen die EURO-Reste.

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