Wieso die EURO wenig gebracht hat

29. Juni 2008, 17:41
81 Postings

Der Fußball ist längst im Zentrum Europas angelangt, Österreich entfernt sich eher - Von Fritz Neumann

Alle Welt fragt sich, was von der EURO bleiben wird. Alle Welt wird Antworten liefern. Studien sonder Zahl werden über uns kommen. Laut jeder zweiten Studie wird Österreich profitiert haben. Laut jeder zweiten Studie wird die EURO ein Verlustgeschäft gewesen sein. So gesehen, gehen Prognosen und Prophezeiungen direkt in Abrechnungen und Bilanzen über. Das hat mit Interessen, Positionen und Worten zu tun, Worten wie "Werbewert". Er kommt gern gleichzeitig mit gigantisch und gering daher.

Was die EURO wirklich gebracht hat? Zunächst einmal brachte sie viele Menschen nach Österreich, und damit brachte sie zumindest einige Menschen in Österreich zum Nach- und Umdenken. Erwartet hatten sie brandschatzende Horden von Hooligans mit vom Biertrinken aufgedunsenen Gesichtern, Wiens Innenstadt in Schutt und Asche und Urin versunken, Klagenfurt dem Erdboden gleich.

Nun wurde dem Vernehmen nach in Klagenfurt keine Blume geknickt. Die Wiener Ringstraße hat sich wochenlang sogar erholen können. Weniger Abgase, weniger Hunde als sonst setzten Bäumen und Beeten zu. Von wegen Verkehrskollaps – die Menschen waren vermehrt öffentlich unterwegs. Das sollte zumindest eine Diskussion darüber ermöglichen, ob mehr autofreie Zonen und Zeiten nicht generell sinnvoll wären.

Ein Europa des Fußballs gab es, lange bevor begonnen wurde, an einem Europa der Politik oder einem Europa der Wirtschaft zu basteln. Der erste Vorstoß kam 1927 von Hugo Meisl, dem legendären Teamchef des le_gendären österreichischen Wunderteams. Diversen Vorläufern folgte 1960 die erste echte EM, sie wurde von der Sowjetunion gewonnen. Russland, wenn man so will, gehört im Fußball und also in Wirklichkeit seit jeher zu Europa, wie die Türkei, die nun mit Rang drei ihren größten Erfolg in Europa gefeiert hat, und wie, seit 1991, auch Israel. Fußballfans haben ein gemeinsames, auch ein wachsendes Europa akzeptiert und verinnerlicht.

Im EM-Verlauf gastierten neun Länder mit Teams und Fans in Österreich. Reisende in Sachen Fußball kamen allerdings eher mit- und untereinander ins Gespräch als mit Österreichern. Viele "Gastgeber" schlossen sich in Wohnzimmern oder Wirtshäusern ein, statt hinauszugehen. Das war der Angstmache im Vorfeld geschuldet, wohl auch dem Wetterpech.

Seltsam und schade, dass just die zwei veranstaltenden Länder auf Distanz zueinander blieben. Vielleicht hätten die Schweizer zumindest einmal in Österreich und die Österreicher einmal in der Schweiz spielen sollen. So blieben Berührungspunkte beinah ausschließlich auf die Organisation beschränkt. Indes werden Basler Zeitung und Standard lange und gerne an die Kooperation im Zuge der EURO zurückdenken.

Andere Chancen auf bleibende Werte waren schon vor dem Ankick vergeben und vertan. Das drittgrößte Sportereignis der Welt lief an der zweit- und der drittgrößten Stadt Österreichs vorbei, in Graz und Linz stehen somit nun keine brauchbaren Stadien. Das Innsbrucker EURO-Stadion wird zurückgebaut, jenes in Klagenfurt vielleicht auch. Kurz: Schildbürgerstreiche. In Wien hat man keine moderne Arena hingestellt, die auf Sicht günstiger kommen und mehr bringen würde als das alte Stadion, in das seit Jahrzehnten investiert und noch in Jahrzehnten investiert werden wird. Ein neues Stadion wäre sichtbares Zeichen dafür gewesen, dass Österreich im Zentrum Europas steht. Das falsche Zeichen, könnte man sagen, da Österreich derzeit ja in die europäische Peripherie abdriftet. Nicht so sehr im Fußball, der Fußball ist weiter. Das war er immer schon. (Kommentar von Fritz Neumann, DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 30. Juni 2008)

Share if you care.