Rundschau: Gott grüßt zurück

    14. September 2008, 18:12
    16 Postings

    "Nano", "Credo", "Grendl", "Prothesen­götter", "Die verschlos­sene Stadt", Neues von Sergej Lukianenko, Brian Keene, Dean Koontz und Neal Asher sowie ein Gesamtüberblick über das Science Fiction-Jahr 2008

    Bild 2 von 10
    coverfoto: wurdack

    Frank Hebben: "Prothesengötter"

    Broschiert, 227 Seiten, € 12,90, Wurdack 2008.

    Eine Wortschöpfung Sigmund Freuds aus dessen Essay "Das Unbehagen in der Kultur" stand Pate für den Titel dieser Sammlung, die zu den Highlights des Jahres gezählt werden darf. In 13 zuvor in Anthologien oder Magazinen erschienenen Kurzgeschichten aus den Jahren 2005 bis 2008 widmet sich der deutsche Autor Frank Hebben der Verschmelzung des Menschen mit der von ihm geschaffenen Technik und dem Konflikt zwischen dem Individuum und seinen erdrückenden Rahmenbedingungen.

    Hebbens durchwegs düstere Visionen erstrecken sich von einer Cyperpunk-artigen Nah-Zukunft hin zu fernen Maschinenzeitaltern - mit ein, zwei Ausnahmen könnten die Geschichten aber vielleicht sogar in eine gemeinsame Zeitlinie gestellt werden. Vertraute Cyperpunk-Szenarien bieten etwa "Memories" und "Im Labyrinth der Neonrose", in denen Erinnerungen als Ware gehandelt werden und persönliche Identitäten sich entsprechend im Fluss befinden. Vor dem gleichen 22. Jahrhundert-Hintergrund spielt sich auch "Maronettentheater" ab, geht jedoch bereits einen Schritt weiter: Der Protagonist Köhler hat sich aus künstlich gezüchteten Organen einen Quasi-Menschen, den Burattino, zusammengenäht, den er als Fleischkonsole verwendet, um sich in die Hyperrealität des globalen Datennetzwerks einzuklinken. Auf der Flucht vor den übermächtigen powers that be kann Köhler zeitweise auf die Hilfe einer Subkultur mit eigener Infrastruktur aus schwarzen Stromleitungen oder schwarzen Kliniken zurück greifen, wie sie auch in anderen Geschichten erwähnt wird. Viel Hoffnung für revolutionär Gesinnte besteht jedoch nicht.

    Irgendwann muss das Internet-Zeitalter dann zu Ende gegangen sein, denn einige Geschichten spielen sich in einer dystopischen Epoche ab, die ausdrücklich nach dem Untergang des als Kosmos bezeichneten WWW angesiedelt ist. Darunter das großartige "Das Fest des Hammers ist der Schlag", die vielleicht schlimmste Albtraumvision Hebbens: Unter der Oberfläche einer vollkommen vergifteten Industriewelt tragen mit Krupp-Luftröhren und anderen künstlichen Körperteilen am "Leben" gehaltene Arbeiter, Maschinisten und Öler einen Krieg unter Tage aus. Im Auftrag von Konzernen, die mit ihren Schutzwehren um die letzten Rohstoffreserven kämpfen, bleiben die ProtagonistInnen Abbas und Ela Gefangene einer Welt des totalen Niedergangs.

    Noch weiter in der Zukunft scheinen "Omega", in dem ein neuer Kosmos entsteht und mit Motiven aus der griechischen Mythologie verwoben wird, das völlig abgedrehte "[002:32:45]" und "Gelée Royale" zu liegen. Letzteres die Geschichte des Rechenknechts Chémo, der als Biomechanoid mit Speichertumor seiner Funktion nachgeht - außerhalb seiner Container-Wabe liegt eine tote Welt mit Salzsäuremeeren und molochartigen Industriestädten. Chémos Dasein ähnelt weniger dem eines Menschen als dem der künstlichen Bienen, die ihn eines Tages in seiner Wabe besuchen: Sie spiegeln die auf die Spitze getriebene Klassengesellschaft dieser Endzeit wider, bilden aber zugleich den einzigen (winzigen!) Hoffnungsschimmer. Außerhalb der - möglichen - Zeitlinie schließlich sind "Imperium Germanicum" und das kaum dreiseitige "Exodus 1906 AD" angesiedelt: Ersteres die apokalyptische Fortsetzung eines Ersten Weltkriegs, der nach 30 Jahren immer noch fortwährt (mit zwei alternativen Enden, die verschiedene Deutungen bieten), zweiteres eine einzelne schlaglichtartige Szene, in der die letzten Menschen, flankiert von sie verhöhnenden Maschinenwesen, einen Emigranten-Zeppelin besteigen. Der Prothesengott Mensch wird von seinen "Hilfsorganen" endgültig zum ausgedienten Objekt degradiert.

    "Prothesengötter" liefert, kurz gesagt, 13 überzeugende Argumente für die Erzählform Kurzgeschichte - ein Buch für alle, die sich gerne plätten lassen!

    weiter ›
    Share if you care.