Die Unmöglichkeit, Kafka zu sein

29. Juni 2008, 10:00
7 Postings

Am 3. Juli jährt sich der Geburtstag von Franz K. zum 125. Mal. Reiner Stach arbeitet seit 13 Jahren an einer umfassenden Biografie – Der Autor im Interview

Standard: Sie zitieren in Ihrem Buch "Kafka. Die Jahre der Erkenntnis" einen Essay aus einer amerikanischen Zeitschrift: "The Impossibility of Being Kafka" . Lange Zeit erschien es auch unmöglich, eine gültige Kafka-Biografie zu schreiben. Wie hat Ihre Beschäftigung mit ihm begonnen?

Reiner Stach: Ganz konventionell. Ich habe als Jugendlicher die Werke gelesen. Die Initialzündung kam, als ich mit Ende 20 zum ersten Mal die Tagebücher und die Briefe an Milena und an Felice Bauer gesehen habe. Da begann eine Phase, wo ich mich völlig identifiziert habe, nicht nur mit dem Autor, auch mit dem Menschen.

Standard: Was an sich ...

Stach: ...was für eine Beschäftigung mit Kafka zunächst natürlich nicht sehr günstig ist. Ich glaube aber mittlerweile, man muss so eine Phase einmal durchgemacht haben, um biografisch über ihn arbeiten zu können. Nach meiner Dissertation war dazwischen auch eine Kafka-Pause, wo ich Geld verdienen musste.

Standard: Was war der konkrete Anstoß?

Stach: Ich habe 1995 dem S. Fischer Verlag den Vorschlag gemacht. Der Zeitpunkt war günstig. Abgesehen von der vergriffenen Wagenbach-Biografie über Kafkas Jugend gab es in deutscher Sprache nichts. Damals wurde gerade die kritische Ausgabe abgeschlossen, mit Ausnahme der Briefe und des Nachlasses von Max Brod. Man konnte erstmals genau betrachten, wie der Mann gearbeitet hat. Das muss man bei Kafka auch, weil die Trennung zwischen Werk und Tagebuchnotiz fließend war.

Standard: Ungewöhnlich ist, dass Sie die Biografie in der Mitte begonnen haben, mit den 2002 erschienenen "Jahren der Entscheidungen" , in denen Kafka seine meisten Texte zu Papier brachte.

Stach: Das Hauptproblem war, die frühen Jahre zu schildern. Da gibt es keine großen Korrespondenzen, keine großen Liebesbeziehungen und vor allen Dingen keine Tagebücher. Er hat alles vernichtet, was aus der Zeit stammt. Wir konnten also warten, bis der Brod-Nachlass zugänglich wird – oder uns eine ganz andere Lösung überlegen und in der Mitte anfangen. Über diese Entscheidung bin ich heute noch glücklich. Auf den Brod-Nachlass warte ich nach wie vor, und für den Leser ist es so spannender, weil es gleich mit dem Zentrum von Kafkas Existenz anfängt.

Standard: An dem zweiten Band, den soeben veröffentlichten "Jahren der Erkenntnis" bis zu Kafkas Tod, haben Sie sechs Jahre gearbeitet. Wo lagen die Schwierigkeiten?

Stach: Um ein stimmiges Bild zu finden, muss man aus ungeheuer vielen Quellen schöpfen. Das zerbröselt einem unter den Fingern, wenn man nicht vorher einen roten Faden auslegt. Es war zum Beispiel sehr schwierig, den politischen Hintergrund wahrheitsgetreu zu schildern. Die Originalquellen aus der Zeit sind entweder erlogen, beschönigt oder zensiert. Nehmen wir das Kapitel über den Umsturz in Prag in den letzten Tagen der Monarchie. In diesen Tagen war gleichzeitig auch die Spanische Grippe virulent. Über die erfährt man aus der Zeitung nichts, obwohl es sich um eine weltweite Pandemie handelte, die mehr Opfer als der Krieg forderte. Meine Vermutung ist ja, dass Kafka zu dem Zeitpunkt von der Tuberkulose schon wieder geheilt war und erst die Spanische Grippe für ihn die eigentliche Katastrophe war.

Standard: Inwiefern hat sich Ihr Kafka-Bild durch die intensive Beschäftigung verändert?

Stach: Ich habe früher auch geglaubt, er sei eine zerbrechliche Figur gewesen. Je mehr mir klar wurde, in was für einem katastrophalen Umfeld er gelebt hat, desto mehr staune ich, woher er seine Kraftreserven genommen hat. Immer dann, wenn der Nullpunkt erreicht war, hat er plötzlich Kräfte mobilisiert und neu angefangen. Die Landarzt-Erzählungen hat er in einer unglaublichen Situation geschrieben, auf dem Hradschin in einem ungeheizten Kämmerchen. Als ganz Prag völlig verdreckt und eiskalt war und er Überstunden machen musste, weil die Kollegen im Krieg waren, sitzt er nachts da oben und schreibt solche Edelsteine von Prosa.

Standard: Schwache und starke Phasen wechselten sich ab?

Stach: Genau, nach so einem Aufbäumen fällt er wieder in sich zusammen, geht ins Sanatorium, wo er an sich gute Bedingungen hat, und macht den ganzen Tag nichts, liest nicht einmal Zeitung. Diese langen Erholungsphasen waren offenbar der Preis. Kafka hat sich auch kleingemacht, das gehörte zu seiner Defensivhaltung. Er wollte damit vermeiden, attackiert zu werden. Aber wenn er attackiert wurde, dann kamen erstaunliche Kraftreserven zum Vorschein.

Standard: Sie räumen auch mit dem weithin gepflegten Mythos auf, Kafka sei weltfremd gewesen.

Stach: Man glaubte immer, er habe von der Außenwelt nur das Notwendigste wahrgenommen und sich auf das Werk konzentriert. So war es absolut nicht. Niemand konnte sich dem Ersten Weltkrieg entziehen. Prag 1914 und 1918, das war überhaupt nicht wiederzuerkennen. Bei Kafka hat das ein Gefühl einer starken Entfremdung ausgelöst. Er merkte, er gehörte hier nicht mehr her. Es war auch eine zunehmende Aggressivität gegen die Juden zu verspüren. Als die Tschechen die Macht übernommen haben, war es ganz dicht an einem Pogrom.

Standard: Sie haben sich bestimmt auch mit der Frage beschäftigt, warum wir seine Texte immer noch als derart modern empfinden.

Stach: Das ist eines der größten Rätsel, warum das so funktioniert. Man muss das vergleichen mit Zeitgenossen wie Thomas Mann. Die Texte von Mann muss man immer mehr erklären. Warum ist es bei Kafka nicht so? Ein Grund liegt meine Erachtens in dem Phänomen, dass niemand sich selbst genau kennen kann. Das hat was Unheimliches, weil man das Gefühl hat, da ist noch was im Hinterkopf, das ich nicht unter Kontrolle habe und nie sehen werde, genauso wenig wie man seinen eigenen Hinterkopf sehen kann. Das erzeugt in jedem Menschen eine leichte Nervosität. Diese subtile Angst hat Kafka in Worte gefasst. Die gibt es immer und interkulturell. Kafka funktioniert auch in Asien.

Ein zweites Beispiel wäre natürlich die Angst vor einer Schicksalsmacht, die uns in der Hand hat, die wir aber nie sehen. Diese Angst hat er brillant auf den Punkt gebracht. Wie heißt es im Proceß: "Wie es in den obersten Instanzen zugeht, wissen wir nicht, und das wollen wir auch gar nicht so genau wissen." Da kommt etwas ganz Wesentliches zum Ausdruck, das jeder kennt.

Standard: Viel Lob und ein wenig Kritikerschelte hat Ihre Erzähltechnik hervorgerufen. Sie bedienen sich Mustern des Romans und des Films.

Stach: Kritisiert wurde das übrigens nur in Deutschland, nicht in den USA und in Spanien, wo das Buch auch erschienen ist. Eine Biografie muss mit romanhaften Mitteln arbeiten dürfen. Mein Wunsch ist, dass der Leser sich hineingezogen fühlt in die historische Situation. Andere schreiben eben mehr für Akademiker und knallen auf jede Seite ein Nietzsche- oder Foucault-Zitat. Ich habe diesen Stallgeruch nicht, aber ich bin auch Literaturwissenschafter.

Standard: Sie betreiben nebenbei die Website www.franzkafka.de. Was hätte Kafka wohl vom Internet gehalten?

Stach: Das Internet produziert Exhibitionismus und Voyeurismus. Beides ist Kafka nicht sehr sympathisch gewesen. Für ihn war Intimsphäre zur Aufrechterhaltung seiner Würde extrem wichtig. Ich stelle mir aber manchmal als Spiel vor, Kafka würde wieder leben und man würde ihn auf irgendeiner Kreuzung aussetzen. Der wäre vollkommen geschockt von dem Tempo und von dem Lärm unserer Zeit, aber er würde auch einiges wiedererkennen.

Standard: Wann kommt der letzte Band mit den Kindheits- und Jugendjahren?

Stach: Noch einmal sechs Jahre wird es auf keinen Fall dauern. Die Erbin von Max Brod ist inzwischen verstorben, und ihre beiden Töchter sind einverstanden, dass die Sachen in den deutschsprachigen Raum kommen. Zurzeit sind sie aber noch in Israel.

Standard: Gibt es auch Phasen, wo Sie Kafka satthaben?

Stach: Nein, es ergeben sich ja zwangsläufig Pausen, wenn man Medizin- oder Militärgeschichte recherchiert. Dass Kafka schon lange nicht mehr auf meinem Nachttisch liegt, ist auch klar. Ansonsten verhält es sich wie bei einem Marathon: Man darf nur nicht ans Ziel denken.

(Sebastian Fasthuber, ALBUM/DER STANDARD, 28./29.06.2008)

Zur Person:
Reiner Stach, geboren 1951 in Rochlitz (Sachsen), studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Mathematik und dissertierte über Frauenfiguren bei Kafka. Er arbeitete als Wissenschaftslektor und Herausgeber von Sachbüchern. Seit 1995 widmet er sich ausschließlich Kafka. Er lebt in Hamburg und auf La Palma.

Reiner Stach, "Kafka. Die Jahre der Erkenntnis" . 30,80 €/726 Seiten. S. Fischer, Frankfurt/Main 2008
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Das letzte Bild: Franz Kafka 1923/24.

Share if you care.