Onkel Hans regiert die Republik

27. Juni 2008, 10:14
330 Postings

Statt demokratischen Grundsätzen unter­wer­fen sich Faymann/Gusenbauer dem Boulevard

Wozu braucht es Beschlüsse eines Parteipräsidiums oder des Ministerrats? Wozu noch Abstimmungen? Es ist einfacher, künftig alle Entscheidungen, die von Politikern getroffen werden, in der Kronen Zeitung abzudrucken. Dann erspart man sich lästiges Nachfragen von Journalisten.

Diese Methode ist auch sehr effizient. So erfährt es ein beträchtlicher Teil der Österreicher. Die Krone hat 43 Prozent Reichweite. Das erreicht keine der beiden Volksparteien. Das dürften sich Werner Faymann und Alfred Gusenbauer gedacht haben, als sie den dramatischen Schwenk der EU-Politik der SPÖ Krone-Herausgeber Hans Dichand in einem Brief mitteilten. Es reicht ja, wenn Dichand Bescheid weiß.

Praktischerweise soll der von Faymann "Onkel Hans" titulierte Herausgeber auch gleich selbst mitgeschrieben haben, damit alles auf Linie ist: Es muss eine Volksabstimmung für einen neuen EU-Vertrag geben! Der österreichische Arbeitsmarkt muss durch Übergangsfristen geschützt werden! Im Rahmen des Kampfes gegen den Klimawandel muss auch das Transitproblem endlich gemeinsam gelöst werden!

Das ist sehr praktisch gedacht: Mit so einem Vorgehen erspart man sich als Politiker Diskussionen, die die Demokratie mit sich bringt. Es reicht für ein kleines Land auch der Diskurs, der auf den Leserbriefseiten des Kleinformates ausgetragen wird.

Noch einfacher wird es, wenn Dichand alleine seine Sicht der Dinge diktiert und ins Blatt stellt. So wie am vergangenen Freitag, als er unter seinem Pseudonym Cato allen mitteilte, worin "unser Zorn", so der Titel des Kommentars, besteht. Der Volkszorn richtet sich bekanntlich gegen die EU: "Unser Zorn ist groß. Wir glauben jedoch fest, dass wir den Wettlauf gewinnen müssen, denn auf unserer Seite ist das Recht, wie es in der Verfassung steht."

Dichand ist also auch noch die übergeordnete Verfassungsinstanz in diesem Lande. Der effizientere Weg wäre, wenn Exekutive, Legislative und Judikative gleich ihren Platz räumten. Dann wäre endgültig klar: "Onkel Hans" regiert die Republik.

Das tat er bisher auch schon, wie Zuschauer wissen, die die Dokumentation "Kronen Zeitung: Tag für Tag ein Boulevardstück" gesehen haben. Der Film der Belgierin Nathalie Borgers zeigt Dichand 2002 mit dem damaligen Bundespräsidenten Thomas Klestil in der Hofburg beim gemeinsamen Guglhupf-Essen. Bis heute hat der ORF den Film nicht ausgestrahlt.

Dass er "lieber zu Hause seinen Hund streichelt, als politische Macht auszuüben", wie Dichand einmal behauptete, hat ihm ohnehin niemand geglaubt. 1996 wähnte sich Dichand noch "Im Vorhof der Macht" - so der Titel des von ihm herausgegebenen Buches.

Jetzt scheint er schon weiter zu sein, dank des neuen SPÖ-Chefs Faymann. Dem soll er - als Gegenleistung für die 180-Grad-Wendung in der EU-Frage - versprochen haben, ihn zum Kanzler zu machen. Dauergast auf den Krone-Seiten ist er ohnehin schon. Nur noch ein paar bezahlte Inserate dazu, fertig ist die Kampagne!

Dass Gusenbauer diesen Kotau mitmacht, zeigt, dass er sich an sein Amt klammert. Seine dem Standard gegebene Begründung, dass dieser Schwenk "kein Kniefall vor der Kronen Zeitung, sondern eine Reaktion auf die geringe Zustimmung der Bevölkerung zur EU ist, wozu die Kronen Zeitung möglicherweise beigetragen hat", ist eine Beleidigung nicht nur für seine Intelligenz.

Womöglich ist das eine Vorbereitung auf eine rot-blaue Koalition. Wenn Dichand das will. Wir werden es erfahren. In der Kronen Zeitung. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Printausgabe, 27.6.2008)

Share if you care.