Polen entdecken Deutschland als Billig-Paradies

23. Juni 2008, 17:15
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Weil das Leben in Polen immer teurer wird, ziehen mehr und mehr Polen ins billige Ostdeutschland - Sie renovieren Häuser und schaffen Jobs -Willkommen sind sie aber nicht überall

Pasewalk/Stettin – Im Wohnzimmer blättert der Putz handtellergroß von den Wänden. Der alte Kachelofen: ein verdrecktes Trauerspiel. Auch in der künftigen Küche ahnt jeder, der schon einmal eine Wohnung renoviert hat: Bis diese Stromleitungen ordentlich verlegt sind, hat die SPD womöglich schon zwei neue Parteichefs verschlissen. Und dennoch: Familie Bukowski ist bei der Betrachtung des neuen Eigenheims höchst zufrieden. Früher drängten sich Vater, Mutter und zwei Töchter in Warschau auf 60 Quadratmeter. Doch vor zwei Jahren verkauften sie ihre Wohnung für 100.000 Euro und zogen in die ostdeutsche Kreisstadt Pasewalk, die nur 20 Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt ist. Dort erstanden sie für 30.000 Euro ein ganzes Haus, in dem auf 400 Quadratmeter vier Wohnungen Platz finden.

Jetzt wird renoviert und dann vermietet – an die Deutschen. "Viele unserer Freunde haben sich an den Kopf gegriffen, als wir uns nach Deutschland aufmachten", erinnert sich Mutter Pamela, "wir aber sagten ihnen: Nur dort können wir unseren Kindern etwas bieten." Längst hat Polen beim Wirtschaftswachstum Deutschland abgehängt. Um 6,5 Prozent stieg das BIP im Jahr 2007, Deutschland schaffte die Hälfte.

10.000 Wohnungen fehlen

Stettin, mit 408.000 Einwohnern die siebtgrößte polnische Stadt, die nur ein paar Kilometer hinter der Grenze liegt, hat jetzt schon einen der größten Häfen im Ostseeraum und will diese Position noch ausbauen. 10.000 moderne Wohnungen fehlen dort – auch weil vor der Wende kaum investiert wurde.

In Uecker-Randow, dem letzten deutschen Landkreis vor Polen, ist es genau umgekehrt: Immer mehr Menschen ziehen weg, es gibt zu viele leerstehende Wohnungen und die Arbeitslosigkeit liegt bei 25 Prozent. Deshalb ist auch Jaroslaw Wieczorek nach Pasewalk gekommen. Er ist Geschäftsführer der Firma Romag Nord GmbH, die ihren Stammsitz im polnischen Posen hat. Sein Geschäft, die Konstruktion und Fertigung von Präzisionswerkzeugen für Firmen wie VW, Volvo oder Philips, läuft gut. In Polen aber hat er ein Problem: „Ich finde keine Fachkräfte mehr.“ Die jedoch gibt es in Deutschland – und noch einiges mehr, was das Unternehmerherz höherschlagen lässt. „Hier in Deutschland sind die Straßen viel besser ausgebaut. Außerdem habe ich 650.000 Euro ins Pasewalker Werk investiert und die Hälfte davon als Förderung zurückbekommen. Das hätte es in Polen nicht gegeben“, sagt Wieczorek.

19 Deutsche finden Arbeit

Die Gesetze der Marktwirtschaft waren auch schnell klar: „Wenn ich auf meine Produkte ,made in Germany‘ draufschreibe“, kann ich zwanzig Prozent mehr verlangen. Außerdem werden die Deutschen nicht mehr viel besser bezahlt als die Polen“, erklärt der Geschäftsführer und zeigt stolz die neue weiße Fertigungshalle.

Dort, zwischen Arbeitsanweisungen und Postern mit vollbusigen Blondinen, bedient Torsten Kaleta seine Maschine. Er ist einer von 19 Deutschen, die Wieczorek in Pasewalk beschäftigt. „Mir ist das völlig egal, ob mir ein Deutscher oder ein Pole Arbeit gibt. Hauptsache, ich habe überhaupt einen Job“, meint er. 900 Polen leben mittlerweile im Landkreis, 80 in Pasewalk, 26 davon haben Firmen gegründet. Auch Löcknitz, ein kleiner, 16 Kilometer entfernter Ort, ist bei den Polen hoch im Kurs.

"Löcknitz bleibt deutsch"

Wie in Pasewalk wird auch dort im Kindergarten Deutsch und Polnisch gesprochen. Zudem hat Löcknitz ein deutsch-polnisches Gymnasium. Allen gefällt das nicht in diesem Landkreis, in dem die rechtsextreme NPD bei der Landtagswahl 2006 auf 15 Prozent kam. "Polen raus", stand neulich an der Schule, und ein junger Mann lief mit einem „Löcknitz bleibt deutsch"-T-Shirt durch den Ort.

Gerade dieser Fall zeige die Absurdität der Lage, sagt der Löcknitzer Bürgermeister Lothar Meistring (Linkspartei). Der T-Shirt-Träger arbeite nämlich bei einem Polen im Nachbardorf. Deshalb tourt Meistring unermüdlich durch die Gegend, um Vorurteile auszuräumen und „seinen“ Bürgern klarzumachen, welche Vorteile die offenen Grenzen bringen – nämlich das Erwachen aus dem ökonomischen Dornröschenschlaf. "Hier in Deutschland sind wir nur Randgebiet", sagt Meistring, "die Polen aber sind unsere Zukunft." (Birgit Baumann, STANDARD, Printausgabe, 24.6.2008)

  • Familie Bukowski, ursprünglich aus Warschau, steht im ostdeutschen Pasewalk vor ihrem neuen, noch zu renovierenden Haus.
    foto: baumann

    Familie Bukowski, ursprünglich aus Warschau, steht im ostdeutschen Pasewalk vor ihrem neuen, noch zu renovierenden Haus.

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